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Dialyse und Diabetes – wenn die Nieren versagen

Dialyse und Diabetes – wenn die Nieren versagen

Medizinischer Hinweis: Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Beratung. Änderungen an Medikamenten- oder Insulindosen nur in Absprache mit einem Arzt.

Diabetes mellitus ist die häufigste Einzelursache für chronisches Nierenversagen und Dialysepflichtigkeit in Deutschland: Etwa 35–40 % aller neu begonnenen Nierenersatztherapien gehen auf Diabetes als Grunderkrankung zurück. Wenn die Nieren ihre Filterfunktion weitgehend verloren haben (eGFR < 10–15 ml/min, CKD-Stadium G5), ist eine Nierenersatztherapie – Dialyse oder Transplantation – lebensnotwendig. Dieser Artikel erklärt, wie die verschiedenen Dialyseverfahren funktionieren, welche Besonderheiten für Diabetiker gelten und welche Perspektiven es über die Dialyse hinaus gibt.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Alle Entscheidungen zur Dialysetherapie und Transplantation werden individuell zwischen Patient, Nephrologen und Transplantationszentrum getroffen.

Wie Dialyse funktioniert – Grundprinzip

Dialyse ist ein Sammelbegriff für Verfahren, die die Nierenfunktion maschinell oder körpereigen ersetzen. Harnpflichtige Substanzen (Kreatinin, Harnstoff, Kalium, überschüssiges Wasser) werden aus dem Blut entfernt – entweder durch eine künstliche Membran (Hämodialyse) oder durch das eigene Bauchfell (Peritonealdialyse). Die Dialyse ersetzt wichtige, aber nicht alle Nierenfunktionen: Die Hormonproduktion (Erythropoetin, Vitamin D-Aktivierung) und die metabolische Funktion müssen weiterhin medikamentös unterstützt werden.

Hämodialyse (HD) – das bekannteste Verfahren

Bei der Hämodialyse wird Blut aus dem Körper geleitet, durch ein Dialysegerät mit einer künstlichen Filtermembran gereinigt und zurückgeführt. Der Zugang erfolgt über einen Shunt (chirurgisch angelegte Verbindung zwischen Arterie und Vene, meist am Unterarm) oder einen zentralvenösen Katheter.

  • Häufigkeit: Üblicherweise 3-mal wöchentlich, je 4–5 Stunden (in Dialysezentrum oder Home-HD)
  • Vorteil: Regelmäßige ärztliche Überwachung, gute Entgiftungsleistung
  • Nachteil: Zeitaufwändige Anreise, eingeschränkte Flüssigkeitszufuhr zwischen den Sitzungen, Belastung des Herz-Kreislauf-Systems durch rasche Volumenschwankungen

Besonderheiten bei Diabetikern unter Hämodialyse

Diabetiker mit Hämodialyse-Pflicht haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko: Herzerkrankungen (KHK, Herzinsuffizienz) sind bei dieser Gruppe sehr häufig und die häufigste Todesursache. Zudem kann die Dialyse selbst die Herzleistung beanspruchen, da bei jeder Sitzung innerhalb kurzer Zeit große Flüssigkeitsmengen entzogen werden. Spezielle Heimdialyse-Programme (nächtliche Hämodialyse 6–7 Mal wöchentlich, aber kürzer) können das Herz-Kreislauf-System schonender entlasten.

Peritonealdialyse (PD) – die Alternative zu Hause

Bei der Peritonealdialyse wird Dialyselösung über einen permanent einliegenden Bauchkatheter (Tenckhoff-Katheter) in die Bauchhöhle eingefüllt. Das gut durchblutete Bauchfell (Peritoneum) dient als natürliche Filtermembran: Harnpflichtige Stoffe diffundieren in die Dialyselösung, die nach einigen Stunden abgelassen und durch frische Lösung ersetzt wird.

  • CAPD (Kontinuierliche ambulante Peritonealdialyse): Patient wechselt die Lösung 4–5-mal täglich selbst zu Hause
  • APD (Automatisierte Peritonealdialyse): Maschine führt nachts die Wechsel durch – tagsüber ist der Patient „frei”
  • Vorteil: Wohnortnah, kein Dialysezentrum nötig, sanftere Entgiftung ohne Volumenschwankungen, mehr Flexibilität im Alltag
  • Nachteil: Peritonitisrisiko (Bauchfellentzündung), bei Diabetikern teilweise eingeschränkt einsetzbar wegen früherer Bauchoperationen; Schulung notwendig

Glukose in der Dialyselösung

Peritonealdialyse-Lösungen enthalten Glukose als osmotisch wirksames Agens – das heißt, bei jeder Sitzung wird Glukose aus der Lösung resorbiert. Das führt zu einer kontinuierlichen Glukosezufuhr und kann bei Diabetikern den Blutzucker erhöhen. Bei PD ist daher eine intensive Insulintherapie (oft peritoneal appliziertes Insulin) oder eine engmaschige Anpassung der Medikation nötig (Hecking et al. Nat Rev Nephrol. 2013). Alternative Lösungen mit Icodextrin (ein Stärkeabbauprodukt) stehen zur Verfügung und haben eine geringere Glukosebelastung.

Blutzucker unter Dialyse – was sich verändert

Die Diabetestherapie verändert sich mit dem Beginn der Dialyse erheblich:

  • Metformin wird abgesetzt: Bei Dialysepflichtigkeit ist Metformin kontraindiziert (Laktatazidose-Risiko). Die Diabetestherapie wird auf Insulin oder andere orale Antidiabetika (z. B. Gliquidon, DPP-4-Hemmer) umgestellt.
  • Insulinbedarf kann sinken: Die Nieren bauen Insulin ab – bei Nierenversagen wird Insulin langsamer abgebaut, der Insulinbedarf kann sinken und Hypoglykämien können häufiger auftreten.
  • Während der Hämodialyse: Blutzucker schwankt während der Sitzung. Glukose wird über die Dialysemembran entfernt (wenn Dialysat glukoseniedrig). Regelmäßige BZ-Messungen vor, während und nach der Dialyse sind empfohlen.
  • HbA1c als Kontrollwert: Bei Dialysepatienten ist der HbA1c durch Anämie und veränderte Erythrozytenüberlebenszeit weniger zuverlässig. Alternativen sind Fructosamin oder kontinuierliches BZ-Monitoring (CGM).

Lebensqualität unter Dialyse

Dialyse ist eine lebensverlängernde, aber belastende Therapie. Fatigue, Juckreiz, Muskelkrämpfe, Schlafstörungen und die zeitliche Einschränkung durch dreimal wöchentliche Dialysesitzungen belasten viele Betroffene erheblich. Menschen mit Diabetes und Dialyse haben häufig zusätzlich mit diabetischen Komplikationen wie Neuropathie, Sehproblemen oder Herzerkrankungen zu kämpfen.

Dennoch führen viele Dialysepatienten ein aktives Leben – mit gezielter Unterstützung durch das Dialyseteam, Ernährungsberatung, psychosozialer Begleitung und Bewegungstherapie (soweit möglich). Reisen ist mit Dialyse möglich – Dialysezentren weltweit können für Urlaub vorgebucht werden. Mehr zu diabetischen Komplikationen lesen Sie in unserem Artikel Neuropathische Schmerzen bei Diabetes – Ursachen und Behandlung.

Hämo- vs. Peritonealdialyse im Vergleich

MerkmalHämodialyse (HD)Peritonealdialyse (PD)
OrtDialysezentrum (oder Heim-HD)Zu Hause
Häufigkeit3× wöchentlich, je 4–5 Std.Täglich (CAPD) oder nachts (APD)
Blutzucker-EinflussSchwankungen durch Volumenentzug; glukoseneutrale Dialyselösung möglichGlukose aus Dialyselösung erhöht BZ; alternative Icodextrin-Lösung verfügbar
Kardiovaskuläre BelastungRascher Volumenentzug belastet HerzKontinuierliche, sanftere Entgiftung
EigenständigkeitEingeschränkter durch feste SitzungszeitenMehr Flexibilität, aber tägliche Eigenverantwortung
RisikenHypotonie, Shunt-KomplikationenPeritonitis, Glukosebelastung

Nierentransplantation – die beste Option

Die Nierentransplantation bietet dialysepflichtigen Diabetikern die besten Langzeitaussichten: bessere Lebensqualität, längere Überlebenszeit und freiere Ernährung. Besonders interessant ist für Diabetiker eine simultane Pankreas-Nieren-Transplantation (SPK), bei der gleichzeitig eine Bauchspeicheldrüse transplantiert wird – mit dem Ziel einer Insulinunabhängigkeit. Dies ist jedoch einer selektierten Patientengruppe vorbehalten (meist jüngere Typ-1-Diabetiker ohne schwere Herzerkrankung).

  • Wartezeit: In Deutschland durchschnittlich 6–8 Jahre für eine Leichenspende-Niere (Eurotransplant)
  • Lebendspende: Verkürzt die Wartezeit erheblich; Spender können Familienangehörige oder nahe Bezugspersonen sein
  • Voraussetzungen: Ausreichende Herzleistung, stabiler Allgemeinzustand, kein aktives Malignom – Evaluation durch Transplantationszentrum

Die Entscheidung für oder gegen eine Transplantation sowie das Timing (Anmeldung bereits vor Dialysebeginn – sog. präemptive Transplantation) sollte frühzeitig mit dem Nephrologen und ggf. einem Transplantationszentrum besprochen werden.

Häufige Fragen: Dialyse und Diabetes (FAQ)

Wie merke ich, dass ich dialysepflichtig werde?

Der Übergang zum Nierenversagen (CKD G5) ist oft schleichend. Erste Zeichen können sein: Müdigkeit und Kraftlosigkeit, Wassereinlagerungen (geschwollene Beine, Gesicht), Übelkeit und Appetitverlust, verminderte Urinmenge, Juckreiz und Kribbeln in den Beinen, Kurzatmigkeit sowie Konzentrationsprobleme. Viele dieser Symptome sind unspezifisch und treten erst bei stark eingeschränkter Nierenfunktion auf. Deshalb sind regelmäßige Laborkontrollen (Kreatinin, eGFR, Kalium, Harnstoff) bei bekannter Nierenerkrankung so wichtig – die Messwerte geben frühzeitig Aufschluss über die Nierenfunktion, lange bevor Symptome auftreten.

Muss ich meine Insulintherapie bei Dialyse anpassen?

Ja, in den meisten Fällen. Die Nieren bauen Insulin zu einem relevanten Anteil ab. Mit sinkender Nierenfunktion wird Insulin langsamer abgebaut – die Insulinwirkung hält länger an und das Hypoglykämierisiko steigt. Viele Diabetiker benötigen mit zunehmender Niereninsuffizienz weniger Insulin als zuvor. Bei Dialysebeginn und dann bei jeder Änderung der Dialysefrequenz oder -methode muss die Insulindosierung vom Arzt neu justiert werden. Messen Sie Ihren Blutzucker engmaschiger in Umstellungsphasen und berichten Sie Ihrem Arzt über Hypoglykämien.

Kann ich mit Dialyse reisen?

Ja – Hämodialyse-Patienten können reisen, wenn sie vorab ein Dialysezentrum am Zielort buchen. In Europa ist das über Netzwerke wie „Dialysis at Sea” oder direkte Kontaktaufnahme mit lokalen Zentren möglich. Manche Reisedestinationen haben gut ausgestattete Dialysezentren, andere bieten weniger Optionen. Heimperitonealdialyse (CAPD/APD) ist für Reisen oft flexibler: Dialysematerial kann vorab ans Zielhotel geliefert werden. Klären Sie geplante Reisen mindestens 4–6 Wochen im Voraus mit Ihrem Dialysezentrum ab. Reisekrankenversicherungen für Dialysepatienten existieren – die Kosten variieren.

Was ist besser für Diabetiker – Hämo- oder Peritonealdialyse?

Es gibt keine pauschale Antwort – beide Verfahren haben für Diabetiker spezifische Vor- und Nachteile. Die Wahl hängt von kardiovaskulärem Status, verbleibender Restnierenfunktion, sozialer Situation, Eigenverantwortungsfähigkeit, früheren Bauchoperationen und Patientenpräferenzen ab. Für jüngere, mobile Patienten mit gutem Unterstützungsnetzwerk kann PD Lebensqualitätsvorteile bieten. Für ältere Patienten mit Herzerkrankung und eingeschränkter Eigenversorgung kann HD im Zentrum die sicherere Wahl sein. Ihr Nephrologe wird gemeinsam mit Ihnen die geeignetste Option ermitteln.


⚕ Wichtiger medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Entscheidungen zur Dialysetherapie, zur Anpassung der Diabetestherapie bei Nierenversagen und zur Transplantationsvorbereitung müssen individuell mit dem Nephrologen und dem Diabetologen getroffen werden. Medikamentendosen und Insulinmengen dürfen ausschließlich nach Absprache mit Ihrem Arzt verändert werden. Dieser Artikel enthält keine Heilsversprechen im Sinne des Heilmittelwerbegesetzes (HWG).

Quellen

  • KDIGO: KDIGO 2022 Clinical Practice Guideline for Diabetes Management in Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2022;102(5S):S1–S127. doi:10.1016/j.kint.2022.06.008
  • Hecking M, Haidinger M, et al.: Novel views on new-onset diabetes after kidney transplantation: development, prevention and treatment. Nephrol Dial Transplant. 2013;28(12):2892–2902. PubMed 24284511
  • Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN): Leitlinien zur Nierenersatztherapie. dgfn.eu
  • Eurotransplant: Statistiken zur Nierentransplantation in Deutschland. 2023. eurotransplant.org
  • Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlungen zur Diabetologie – Diabetische Nephropathie. Diabetologie. 2023;18(Suppl 2). deutsche-diabetes-gesellschaft.de
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