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Ketoazidose bei Diabetes: Ursachen, Symptome und Notfallmaßnahmen
Die diabetische Ketoazidose (DKA) ist eine der gefährlichsten akuten Komplikationen bei Diabetes mellitus – und ein medizinischer Notfall. Trotzdem ist sie für die meisten Betroffenen und ihre Angehörigen kaum bekannt, bis es zum ersten Mal passiert. Wer die Warnsignale kennt, kann rechtzeitig handeln und Schlimmeres verhindern.
Dieser Artikel erklärt, wie eine Ketoazidose entsteht, welche Symptome sie verursacht, wie sie diagnostiziert und behandelt wird – und welche Präventionsmaßnahmen helfen können.
Was ist eine diabetische Ketoazidose?
Die diabetische Ketoazidose ist eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung, die durch einen schweren absoluten oder relativen Insulinmangel entsteht. Ohne ausreichend Insulin können die Körperzellen keine Glukose aus dem Blut aufnehmen. Der Organismus schaltet daher auf einen Notfallmodus um: Er beginnt, in großen Mengen Fettsäuren abzubauen. Bei diesem Prozess entstehen als Nebenprodukte die Ketonkörper (Acetoacetat, β-Hydroxybutyrat, Azeton). Häufen sich Ketonkörper im Blut an, kommt es zur Übersäuerung (Azidose) – die Ketoazidose.
Gleichzeitig steigt der Blutzucker oft stark an (Werte von 300–600 mg/dL sind möglich), weil Leber und Muskeln ohne Insulin weiter Glukose freisetzen, ohne dass sie verwertet werden kann. (Kitabchi AE et al., Hyperglycemic Crises in Adult Patients With Diabetes, Diabetes Care 2009, PMID 19564476)
Wer ist besonders gefährdet?
Die diabetische Ketoazidose tritt überwiegend bei Typ-1-Diabetes auf, da dort der Insulinmangel absolut ist. Sie kann jedoch auch – seltener – bei Typ-2-Diabetes vorkommen, insbesondere unter bestimmten Bedingungen (schwere Infektionen, Operationen, Stresssituationen). Weltweit ist die DKA eine häufige Ursache für Krankenhausaufnahmen und Todesfälle bei jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes.
In Deutschland erleiden schätzungsweise 100.000–150.000 Menschen pro Jahr eine DKA-Episode (BVND/DDG, Versorgungsberichte 2022).
Häufige Auslöser einer Ketoazidose
- Infektionen: Grippe, Erkältungen, Harnwegsinfekte oder Lungenentzündungen erhöhen den Insulinbedarf durch Stresshormone (Cortisol, Adrenalin). Wenn die Insulindosis nicht angepasst wird, kann eine DKA entstehen.
- Vergessene oder ausgelassene Insulininjektionen: Der häufigste Auslöser – besonders bei jungen Menschen oder Neudiagnosen.
- Insulinpumpenversagen: Wenn die Katheternadel herausrutscht oder verstopft, wird kein Insulin abgegeben – eine DKA kann sich innerhalb weniger Stunden entwickeln.
- Erstmanifestation von Typ-1-Diabetes: Viele Typ-1-Diagnosen werden erst gestellt, wenn der Patient bereits in einer DKA im Krankenhaus landet.
- Bestimmte Medikamente: SGLT-2-Inhibitoren können – besonders bei Typ-1-Anwendung – eine euglykäme DKA (mit normalem Blutzucker) auslösen.
- Chirurgische Eingriffe, Trauma, schwerer Stress
Symptome: Woran erkennt man eine Ketoazidose?
Die Symptome entwickeln sich meist über Stunden bis Tage und werden oft zunächst mit einem grippalen Infekt verwechselt:
| Phase | Typische Symptome |
|---|---|
| Frühphase | Starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Schwäche |
| Fortgeschritten | Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit |
| Charakteristisch | Acetongeruch im Atem (süßlich-fruchtig, wie Nagellackentferner), tiefe schnelle Atmung (Kussmaul-Atmung) |
| Schwer / Notfall | Benommenheit, Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung, Koma |
Das Wichtigste: Bei Verdacht auf eine Ketoazidose – insbesondere Acetongeruch im Atem, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen – sofort den Notruf 112 wählen. Eine DKA ist ein medizinischer Notfall.
Diagnostische Kriterien der DKA
Ärzte diagnostizieren eine DKA anhand folgender Laborwerte (nach ADA/DDG-Leitlinien):
- Blutzucker: meist > 250 mg/dL (13,9 mmol/L) – bei euglykämer DKA auch niedriger
- Blut-pH: < 7,3 (normal: 7,35–7,45) – Zeichen der Übersäuerung
- Bikarbonat: < 18 mmol/L
- Ketonkörper im Blut: β-Hydroxybutyrat > 3 mmol/L (oder Ketonkörper im Urin ++ bis +++)
Ketonkörper selbst messen: Wann und wie?
Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten Ketonkörper messen, wenn:
- Der Blutzucker anhaltend über 250–300 mg/dL liegt
- Symptome wie Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen auftreten
- Die Insulinpumpe nicht korrekt funktioniert
- Ein fieberhafter Infekt vorliegt
Für die Messung gibt es zwei Methoden:
- Blutketonmessung (präziser): Spezielle Messstreifen für Blutzuckermessgeräte (z. B. FreeStyle Precision Neo) messen β-Hydroxybutyrat direkt aus einem Bluttropfen. Dieser ist genauer und erkennt eine DKA früher als der Urintest.
- Urinketonstix: Einfacher und günstiger, aber weniger präzise und langsamer. Werte > 3+ im Urin sind ein Warnsignal.
Ketonstix für den Urin sind rezeptfrei erhältlich, zum Beispiel auf Amazon.de (Keton-Teststreifen im Vergleich)*. Die Messung mit Blutstreifen sollte mit dem Arzt oder Diabetesteam abgestimmt werden.
Behandlung der diabetischen Ketoazidose
Die Behandlung der DKA erfolgt ausschließlich im Krankenhaus und umfasst:
- Flüssigkeitsersatz (Rehydratation): Intravenöse Kochsalzlösung, um den durch starkes Wasserlassen entstandenen Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
- Insulintherapie: Niedrig dosiertes Insulin intravenös, um den Blutzucker langsam zu senken und die Ketonkörperbildung zu stoppen.
- Elektrolytausgleich: Besonders Kalium muss engmaschig kontrolliert und ersetzt werden.
- Behandlung des Auslösers: Bei Infektionen z. B. Antibiotika.
Mit moderner Intensivmedizin liegt die Sterblichkeit bei DKA in westlichen Ländern unter 1 %, bei rechtzeitiger Behandlung. Ohne Behandlung kann eine DKA innerhalb von Stunden bis Tagen tödlich verlaufen.
Prävention: Wie lässt sich eine Ketoazidose verhindern?
- Insulin nie ohne Rücksprache absetzen. Auch bei Übelkeit oder Appetitlosigkeit muss das Basalinsulin weiter gegeben werden.
- „Sick-Day-Rules“ kennen und anwenden: Regeln für Krankheitstage (erhöhter Insulinbedarf, häufigere Messungen, mehr Trinken) sollten mit dem Diabetesteam besprochen werden.
- Insulinpumpe täglich kontrollieren: Katheterstelle, Reservoir und Schlauchsystem auf korrekte Funktion prüfen.
- Bei anhaltend hohen Blutzuckerwerten Ketone messen.
- Diabetesausweis immer mitführen, damit Rettungskräfte im Notfall informiert sind.
Mehr über die Grundlagen der Insulintherapie finden Sie in unserem Artikel zu Insulintypen: Basalinsulin und Bolusinsulin. Allgemeine Informationen zu Typ-1 und Typ-2 finden Sie in unserem Artikel Typ-1 vs. Typ-2-Diabetes.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann eine Ketoazidose auch bei Typ-2-Diabetes auftreten?
Ja, obwohl sie bei Typ-2 viel seltener ist. Sie kann bei schwerem Stress (Operationen, Infektionen, Herzinfarkt) oder bei bestimmten Medikamenten (SGLT-2-Inhibitoren) auch bei Typ-2 entstehen. Eine besondere Variante ist die sogenannte „euglykäme DKA“, bei der der Blutzucker normal oder nur leicht erhöht ist – was die Diagnose erschwert.
Wie lange dauert die Behandlung einer Ketoazidose?
Die Normalisierung des pH-Werts und der Ketonkörper dauert typischerweise 12–24 Stunden unter intensivmedizinischer Behandlung. Die Gesamtdauer des Krankenhausaufenthalts hängt vom Schweregrad und von möglichen Auslösern (z. B. Infektionen) ab – in der Regel 2–5 Tage.
Riecht man Ketonkörper selbst?
Aceton – ein Ketonkörper – wird über die Atemluft abgeatmet und hat einen charakteristischen süßlich-fruchtigen Geruch, der oft mit Nagellackentferner oder überreifem Obst verglichen wird. Viele Betroffene nehmen diesen Eigengeruch selbst nicht wahr, Angehörige oder Rettungskräfte aber schon. Das ist ein wichtiges Warnsignal.
Was ist der Unterschied zwischen Ketoazidose und Unterzucker?
Beide sind akute diabetische Notfälle, entstehen aber durch gegenteilige Mechanismen: Beim Unterzucker (Hypoglykämie) ist zu viel Insulin vorhanden – der Blutzucker fällt gefährlich ab. Bei der Ketoazidose fehlt Insulin – der Blutzucker steigt stark an, und Ketonkörper bilden sich. Die Behandlung ist grundverschieden: Unterzucker braucht sofort Zucker, die DKA braucht Insulin, Flüssigkeit und Elektrolyte im Krankenhaus.
Quellen
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisleitlinie Diabetes mellitus Typ 1, 2023. www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de
- Kitabchi AE et al.: Hyperglycemic Crises in Adult Patients With Diabetes. Diabetes Care 2009;32(7):1335–1343. PubMed 19564476
- Dhatariya KK et al.: Diabetic ketoacidosis. Nat Rev Dis Primers 2020;6(1):40. PubMed 32616884
- American Diabetes Association: Standards of Medical Care in Diabetes 2024. Diabetes Care 2024;47(Suppl. 1). diabetesjournals.org
⚕ Medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf eine Ketoazidose sofort den Notruf 112 wählen. Änderungen an Medikamenten- oder Insulindosen dürfen nur in Absprache mit medizinischem Fachpersonal vorgenommen werden.
