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Unterzucker (Hypoglykämie): Symptome, Ursachen und Behandlung

Medizinischer Hinweis: Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Beratung. Änderungen an Medikamenten- oder Insulindosen nur in Absprache mit einem Arzt.

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Unterzucker (Hypoglykämie): Symptome, Ursachen und Behandlung

Unterzucker, medizinisch als Hypoglykämie bezeichnet, ist eine der häufigsten und potenziell gefährlichsten Komplikationen bei der Diabetesbehandlung mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen. Wer die Warnsignale kennt und weiß, wie er richtig reagiert, kann einen milden Unterzucker schnell beheben – und schwere, lebensbedrohliche Episoden verhindern. Dieser Artikel erklärt Symptome, Ursachen, Schweregrade und die evidenzbasierte Notfallbehandlung.

Was ist Unterzucker (Hypoglykämie)?

Von einer Hypoglykämie spricht man, wenn der Blutzuckerspiegel unter einen bestimmten Schwellenwert fällt. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und internationale Leitlinien definieren die Grenze für eine klinisch relevante Hypoglykämie bei < 70 mg/dl (3,9 mmol/l). Werte unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l) gelten als schwere Hypoglykämie, die sofortiges Handeln erfordert. (International Hypoglycaemia Study Group, Diabetes Care 2017, PMID 28073752)

Hypoglykämie ist keine Erkrankung an sich, sondern ein Symptom einer zu niedrigen Blutglukose. Das Gehirn ist für seine Funktion fast ausschließlich auf Glukose angewiesen und reagiert besonders empfindlich auf einen Abfall des Blutzuckerspiegels.

Ursachen: Wann entsteht Unterzucker?

Nicht jeder Mensch mit Diabetes ist gleichermaßen hypoglykämiegefährdet. Besonders häufig tritt Unterzucker auf bei:

  • Zu viel Insulin: Eine zu hohe Insulindosis im Verhältnis zur aufgenommenen Kohlenhydratmenge ist die häufigste Ursache.
  • Ausgelassene oder verzögerte Mahlzeiten: Wenn Insulin gespritzt wird, aber keine ausreichende Nahrungsaufnahme folgt.
  • Ungewohnte körperliche Aktivität: Sport senkt den Blutzucker und erhöht die Insulinempfindlichkeit – das Insulin wirkt stärker als erwartet.
  • Alkohol: Alkohol hemmt die Glukoneogenese in der Leber und kann stundenverzögert zu Hypoglykämien führen.
  • Sulfonylharnstoffe: Diese oralen Antidiabetika stimulieren die Insulinsekretion unabhängig vom Blutzucker und können ebenfalls Unterzucker verursachen.
  • Niereninsuffizienz: Eingeschränkte Nierenfunktion verlängert die Wirkdauer vieler Antidiabetika und Insuline.

Symptome der Hypoglykämie: Was spüren Betroffene?

Die Symptome einer Hypoglykämie lassen sich in zwei Gruppen einteilen: adrenerge (sympathoadrenerge) Warnsymptome, die durch die Ausschüttung von Stresshormonen (vor allem Adrenalin) entstehen, und neuroglykopenische Symptome, die durch den direkten Glukosemangel im Gehirn verursacht werden.

Adrenerge Warnsymptome (früh)

  • Zittern, Schweißausbrüche (oft kaltschweißig)
  • Herzklopfen, beschleunigter Puls
  • Hungergefühl
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühl um den Mund
  • Blässe

Neuroglykopenische Symptome (fortgeschritten)

  • Konzentrationsprobleme, Verwirrtheit
  • Kopfschmerzen, Schwindel
  • Sehstörungen, Doppelbilder
  • Reizbarkeit, Verhaltensänderungen
  • Koordinationsprobleme, Sprachstörungen
  • Im Extremfall: Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle

Wichtig: Menschen mit langjährigem Diabetes können eine Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung (Hypoglycaemia Unawareness) entwickeln – die adrenergen Warnsymptome bleiben aus, sodass die Betroffenen den Unterzucker nicht rechtzeitig bemerken. Regelmäßige Blutzuckermessungen oder ein CGM-System sind in diesem Fall besonders wichtig.

Schweregrade der Hypoglykämie

Die DDG und internationale Fachgesellschaften unterscheiden folgende Schweregrade:

SchweregradBlutzuckerMerkmale
Grad 1 (mild)< 70 mg/dl (3,9 mmol/l)Warnsymptome vorhanden, Betroffener kann sich selbst helfen
Grad 2 (klinisch signifikant)< 54 mg/dl (3,0 mmol/l)Deutlichere Symptome, sofortige Behandlung erforderlich
Grad 3 (schwer)Keine definierte UntergrenzeBewusstseinseinschränkung oder -verlust, Hilfe durch Dritte nötig

Quelle: International Hypoglycaemia Study Group, Diabetes Care 2017, PMID 28073752

Die Regel der 15: Erste Hilfe bei leichtem Unterzucker

Bei einem leichten bis mittelschweren Unterzucker (Grad 1–2), bei dem der Betroffene noch bei Bewusstsein und schluckfähig ist, gilt die international empfohlene Regel der 15:

  1. 15 Gramm schnell verfügbare Kohlenhydrate zu sich nehmen (z. B. 150–200 ml Fruchtsaft, 4–5 Glukose-Tabletten, 1 Glas Cola).
  2. 15 Minuten warten und dann den Blutzucker erneut messen.
  3. Falls der Blutzucker noch unter 70 mg/dl liegt: Schritt 1 wiederholen.
  4. Wenn der Blutzucker über 70 mg/dl gestiegen ist und die nächste Mahlzeit noch länger als eine Stunde entfernt ist: einen kleinen Snack mit komplexen Kohlenhydraten und Protein zu sich nehmen (z. B. eine Scheibe Vollkornbrot mit Käse), um einen erneuten Abfall zu verhindern.

(Cryer PE et al., Diabetes Care 2003, PMID 22218162)

Geeignete Mittel zur Hypoglykämiebehandlung

MittelMenge (ca. 15 g KH)Kommentar
Glukose-Tabs (Traubenzucker)4–5 Tabletten à 3 gSchnellste Wirkung, leicht dosierbar
Fruchtsaft (Apfel, Orange)150–200 mlGut verfügbar, wirksam
Cola (nicht Zero/Light)150 mlBewährt in Notfällen
Würfelzucker4–5 StückImmer griffbereit halten

Nicht geeignet: Schokolade oder fettige Snacks – das enthaltene Fett verlangsamt die Glukoseaufnahme und verzögert die Blutzuckererholung.

Schwere Hypoglykämie: Notfall und Glukagon-Notfallset

Bei schwerer Hypoglykämie mit Bewusstseinstrübung oder -verlust darf nichts mehr oral gegeben werden (Erstickungsgefahr). Folgende Maßnahmen sind sofort einzuleiten:

  1. Notruf 112 rufen.
  2. Person in die stabile Seitenlage bringen (Aspirationsschutz).
  3. Glukagon-Notfallset einsetzen, falls vorhanden und Angehörige in der Anwendung geschult sind. Glukagon ist ein Hormon, das die Leber zur Freisetzung von gespeicherter Glukose anregt. Es ist als klassisches Injektionsset (i.m. oder s.c.) oder als Nasenspray (Baqsimi®) verfügbar.

Die DDG empfiehlt, dass alle Personen im Umfeld von insulinpflichtigen Diabetikern in der Anwendung des Glukagon-Sets geschult werden. (DDG Praxisleitlinie Hypoglykämie, 2023)

Vorbeugung: Wie lässt sich Unterzucker vermeiden?

  • Regelmäßige Blutzuckermessungen oder Nutzung eines CGM-Systems, das frühzeitig warnt.
  • Kohlenhydrate bei Sport: Bei ungeplantem oder verlängertem Sport zusätzliche Kohlenhydrate einplanen und ggf. Insulindosis anpassen.
  • Alkohol in Maßen und nie auf nüchternen Magen – und engmaschige BZ-Kontrolle am nächsten Morgen.
  • Notfallset griffbereit halten: Glukose-Tabs stets dabei – in der Tasche, im Auto, auf dem Nachttisch.
  • Schulung und strukturierte Therapie: Diabetesschulungen (z. B. DAFNE, DESB) verbessern die Selbstmanagementkompetenz nachweislich.

Langzeitfolgen häufiger Hypoglykämien

Häufige schwere Hypoglykämien können langfristige Folgen haben. Studien zeigen Zusammenhänge mit kognitiven Einschränkungen, insbesondere bei älteren Menschen. Außerdem kann jede schwere Hypoglykämie kardiovaskuläre Ereignisse auslösen, da Adrenalinausschüttung und Herzrhythmusstörungen das Herz belasten. Eine gute Blutzuckereinstellung schließt deshalb stets ein, das Hypoglykämierisiko auf ein Minimum zu reduzieren. (Whitmer RA et al., JAMA 2009, PMID 19293415)

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Häufige Fragen: Unterzucker (FAQ)

Ab welchem Blutzuckerwert spricht man von Unterzucker?

Internationale Leitlinien (DDG, ADA) definieren eine Hypoglykämie ab einem Blutzuckerwert unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l). Werte unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l) gelten als klinisch signifikant und erfordern sofortige Gegenmaßnahmen. Bei einem Wert unter 40 mg/dl kann Bewusstlosigkeit eintreten. Individuelle Wahrnehmungsgrenzen können variieren – besonders bei langjährigem Diabetes und Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung.

Was ist die Regel der 15 bei Unterzucker?

Die Regel der 15 besagt: 15 Gramm schnell verfügbare Kohlenhydrate aufnehmen (z. B. 4–5 Traubenzucker-Tabletten oder 150 ml Fruchtsaft), 15 Minuten warten und den Blutzucker erneut messen. Liegt er noch unter 70 mg/dl, den Schritt wiederholen. Diese Methode ist von der DDG und der American Diabetes Association (ADA) empfohlen und in Studien wirksam belegt.

Kann man nachts einen Unterzucker bekommen, ohne es zu merken?

Ja. Nächtliche Hypoglykämien sind häufig, weil der Körper im Schlaf keine Warnsignale wahrnimmt. Sie können sich am nächsten Morgen durch Kopfschmerzen, Müdigkeit oder ungewöhnlich hohe Nüchternwerte (Somogyi-Effekt) bemerkbar machen. CGM-Systeme mit Alarmfunktion sind hier besonders hilfreich und können nächtliche Hypoglykämien sicher erkennen.

Darf ich Schokolade bei Unterzucker essen?

Schokolade ist bei Unterzucker nur bedingt geeignet, weil der hohe Fettgehalt die Glukoseaufnahme verlangsamt. Der Blutzucker steigt dadurch verzögert und unvorhersehbar an. Besser geeignet sind fettarme, schnell verfügbare Kohlenhydrate wie Glukose-Tabs, Traubenzucker, Fruchtsaft oder Cola. Für die Vorbeugung eines erneuten Abfalls nach der Soforthilfe ist ein kleiner Snack mit komplexen Kohlenhydraten und Protein jedoch sinnvoll.

Was tun, wenn jemand mit Diabetes bewusstlos ist?

Sofort den Notruf 112 rufen. Die bewusstlose Person in die stabile Seitenlage bringen. Falls ein Glukagon-Notfallset vorhanden ist und Sie in der Anwendung geschult sind, können Sie es einsetzen. Niemals versuchen, einer bewusstlosen Person etwas zu trinken oder zu essen zu geben – Erstickungsgefahr. Warten Sie auf den Rettungsdienst.

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⚕ Medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bei häufigen oder schweren Unterzuckerungen wenden Sie sich bitte umgehend an Ihren behandelnden Arzt oder Diabetologen. Dosierungsänderungen bei Insulin oder Antidiabetika dürfen nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt vorgenommen werden. In einem medizinischen Notfall (Bewusstlosigkeit) sofort den Notruf 112 wählen.

Quellen

  • International Hypoglycaemia Study Group: Glucose Concentrations of Less Than 3.0 mmol/L (54 mg/dL) Should Be Reported in Clinical Trials. Diabetes Care. 2017;40(1):155-157. PubMed 28073752
  • Cryer PE et al.: Hypoglycemia in Diabetes. Diabetes Care. 2003;26(6):1902-1912. PubMed 22218162
  • Whitmer RA et al.: Hypoglycemic Episodes and Risk of Dementia in Older Patients With Type 2 Diabetes Mellitus. JAMA. 2009;301(15):1565-1572. PubMed 19293415
  • Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisleitlinie Hypoglykämie, Version 2023. deutsche-diabetes-gesellschaft.de
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