Grippe, Lungenentzündung, Hepatitis B – diese Infektionskrankheiten treffen Menschen mit Diabetes häufig schwerer als Stoffwechselgesunde. Das liegt nicht an mangelnder Hygiene, sondern an den Auswirkungen erhöhter Blutzuckerwerte auf das Immunsystem. Die Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut hat deshalb spezifische Indikationsimpfungen für Menschen mit Diabetes definiert. Dieser Artikel erklärt, welche Impfungen empfohlen werden, warum das Infektionsrisiko bei Diabetes erhöht ist und wie Sie Ihren persönlichen Impfschutz mit Ihrem Arzt besprechen können.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Impfentscheidungen sollten stets individuell mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Warum sind Menschen mit Diabetes infektionsanfälliger?
Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker beeinträchtigt das Immunsystem auf mehreren Ebenen – unabhängig davon, ob Typ-1- oder Typ-2-Diabetes vorliegt:
Beeinträchtigte Immunzellen
Neutrophile Granulozyten – die „ersten Responder” des Immunsystems – funktionieren bei Hyperglykämie weniger effektiv. Sie wandern langsamer in Infektionsherde ein, produzieren weniger reaktive Sauerstoffspezies (für die Keimtötung) und zeigen eine abgeschwächte Phagozytoseleistung. Makrophagen, die Krankheitserreger aufnehmen und vernichten, sind bei schlecht eingestelltem Diabetes ebenfalls beeinträchtigt. Studien zeigen, dass diese Funktionseinschränkungen bei einem HbA1c > 8 % besonders ausgeprägt sind (Muller et al., J Diabetes Complications. 2005).
Neuropathie und Durchblutungsstörungen
Diabetische Neuropathie und periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) begünstigen Wundinfektionen, da Verletzungen später bemerkt werden und die Wundheilung verlangsamt ist. Bakterien können sich in schlecht durchblutetem Gewebe ungehindert vermehren, bevor das Immunsystem effektiv reagiert. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel Wundheilung bei Diabetes – warum es länger dauert.
Höheres Komplikationsrisiko bei Infektionen
Wenn eine Infektion ausbricht, entgleist bei Diabetikern oft gleichzeitig der Blutzucker – das sogenannte „Infektions-Stresssyndrom”. Stresshormone (Kortisol, Adrenalin) erhöhen die Glukoseproduktion der Leber und senken gleichzeitig die Insulinsensitivität. Die Infektion verschlechtert den Blutzucker, der schlechte Blutzucker verschlechtert die Infektionsabwehr – ein Teufelskreis. Krankenhausaufenthalte sind bei Diabetikern mit Influenza 2–3 Mal häufiger und länger als bei Nichtdiabetikern (Smith & Poland. Diabetes Care. 2000).
STIKO-Impfempfehlungen für Menschen mit Diabetes
Die STIKO unterscheidet zwischen Standardimpfungen (für alle) und Indikationsimpfungen (für bestimmte Risikogruppen). Diabetes mellitus ist eine anerkannte Indikation für mehrere zusätzliche Impfungen. Die aktuellen Empfehlungen sind im Epidemiologischen Bulletin der STIKO (Stand: 2024) veröffentlicht.
Influenza-Impfung (Grippe) – jährlich
Die jährliche Grippeimpfung ist für alle Menschen mit Diabetes empfohlen – unabhängig von Alter und Diabetestyp. Das Grippevirus verursacht bei Diabetikern häufiger Pneumonie und Sepsis; die Sterblichkeit an Influenza ist bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht.
- Zeitpunkt: Idealerweise September bis November vor Beginn der Grippewelle
- Impfstoff: Inaktivierter Grippeimpfstoff (Standard), ab 60 Jahren High-Dose-Impfstoff oder adjuvantierter Impfstoff (stärkere Immunantwort)
- Kostenübernahme: Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) übernimmt die Kosten für Risikogruppen
Pneumokokken-Impfung (Lungenentzündung)
Pneumokokken sind Bakterien, die Lungenentzündung, Meningitis und Sepsis verursachen können. Bei Diabetikern verläuft eine Pneumokokken-Pneumonie häufig schwerer. Die STIKO empfiehlt eine Indikationsimpfung bei Diabetes für Erwachsene unter 60 Jahren; ab 60 Jahren ist sie ohnehin Standard-Impfung.
- PCV20 oder Kombischema PCV15 + PPSV23: Seit 2023 wird PCV20 (20-valenter Konjugatimpfstoff) bevorzugt
- Auffrischung: Einmalig; bei immunsupprimierten Patienten ggf. Wiederholung nach 6 Jahren (Rücksprache mit Arzt)
- Effektivität: Reduktion invasiver Pneumokokken-Erkrankungen um ca. 50–80 % (RKI, Epidemiologisches Bulletin 2023)
Hepatitis-B-Impfung
Für Menschen mit Diabetes besteht eine erhöhte Hepatitis-B-Infektionsgefahr, weil häufige Blutzuckermessgeräte und Stechhilfen ein potenzielles Übertragungsmedium darstellen – besonders in Gemeinschaftseinrichtungen, Pflegeheimen oder bei der Nutzung gemeinschaftlicher Geräte (obwohl dies verboten ist, passiert es in der Praxis). Die STIKO empfiehlt die Hepatitis-B-Impfung als Indikationsimpfung für nicht immune Diabetiker.
- Schema: Drei Dosen (0, 1, 6 Monate) oder beschleunigtes Schema (0, 7, 21 Tage + Auffrischung nach 12 Monaten)
- Kontrolle: Nach Grundimmunisierung Titer-Kontrolle (Anti-HBs ≥ 10 mIU/ml = Schutz)
- Kombinationsimpfstoff: Twinrix® (Hepatitis A + B) ist ebenfalls möglich, wenn kein Hepatitis-A-Schutz besteht
COVID-19
Diabetes mellitus zählt zu den Grunderkrankungen, bei denen die STIKO eine COVID-19-Auffrischimpfung empfiehlt – insbesondere für ältere Diabetiker oder Menschen mit weiteren Risikofaktoren (z. B. Herzerkrankungen, Nierenschwäche). Die Empfehlungen werden regelmäßig aktualisiert; der aktuelle Stand ist auf den Seiten des Robert Koch-Instituts abrufbar.
Herpes zoster (Gürtelrose)
Ab dem 60. Lebensjahr und bei Immunsuppression (z. B. durch Kortikosteroide, schwere Stoffwechselentgleisung) empfiehlt die STIKO den Totimpfstoff Shingrix® gegen Herpes zoster. Diabetiker mit eingeschränkter Immunfunktion können von einem früheren Impfbeginn profitieren – die individuelle Entscheidung liegt beim Arzt.
Impfkalender für Menschen mit Diabetes – Überblick
| Impfung | Indikation | Häufigkeit | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Influenza | Alle Diabetiker | Jährlich (Herbst) | Ab 60 J: High-Dose-Impfstoff |
| Pneumokokken (PCV20) | Alle Diabetiker | Einmalig (Auffrischung nach 6 Jahren bei Risiko) | Standard ab 60 J. |
| Hepatitis B | Nicht immune Diabetiker | 3 Dosen (Grundimmunisierung) | Titer-Kontrolle empfohlen |
| COVID-19 | Risikogruppe | Nach STIKO-Empfehlung | Aktuell: jährliche Auffrischung für Risikogruppen |
| Herpes zoster (Shingrix) | Ab 60 J. / Immunsuppression | 2 Dosen im Abstand von 2–6 Monaten | Totimpfstoff |
| Tetanus/Diphtherie/Pertussis | Alle (Standardimpfung) | Auffrischung alle 10 Jahre | Für alle Erwachsenen |
Quelle: STIKO-Empfehlungen, Epidemiologisches Bulletin 2024, Robert Koch-Institut.
Praktische Tipps: So bereiten Sie Ihren Impftermin vor
- Blutzucker vor dem Impftermin kontrollieren: Bei stark erhöhten Werten (> 250 mg/dl, > 13,9 mmol/l) ist es sinnvoll, den Impfarzt vorab zu informieren. Bei akuten Infektionen sollte der Impftermin verschoben werden.
- Gelber Impfpass mitbringen: Lassen Sie alle erhaltenen Impfungen eintragen. Der digitale Impfnachweis in der CovPass-App ist eine gute Ergänzung.
- Hausarzt als erste Anlaufstelle: Ihr Hausarzt oder Diabetologe kann Ihren persönlichen Impfstatus prüfen und fehlende Impfungen nachholen. Fragen Sie aktiv nach dem Impfstatus – häufig werden Lücken erst beim Nachfragen entdeckt.
- Blutzucker nach Impfung beobachten: Einige Menschen berichten vorübergehend leicht erhöhte Werte nach der Impfung – das ist eine normale Immunreaktion und kein Zeichen für eine ernstzunehmende Entgleisung. Messen Sie engmaschiger in den ersten 24–48 Stunden.
Mehr zu Alltagsmanagement mit Diabetes lesen Sie in unserem Artikel Harnwegsinfekte bei Diabetes – erhöhtes Risiko und Vorbeugung.
Häufige Fragen: Impfungen bei Diabetes (FAQ)
Können Impfungen den Blutzucker beeinflussen?
Ja, kurzzeitig kann es nach einer Impfung zu einem leichten Anstieg der Blutzuckerwerte kommen. Der Körper reagiert auf den Impfstoff mit einer Immunantwort, bei der Stresshormone ausgeschüttet werden – ähnlich wie bei einer leichten Infektion. Diese Reaktion ist vorübergehend (meist 24–48 Stunden) und klinisch in aller Regel bedeutungslos. Messen Sie in den ersten Tagen nach einer Impfung etwas häufiger und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, falls Sie anhaltend erhöhte Werte bemerken. Impfungen ersetzen keine gute Blutzuckereinstellung – aber eine gute Einstellung verbessert die Impfantwort.
Welche Impfungen sind für Typ-1- und Typ-2-Diabetiker gleich empfohlen?
Die STIKO-Indikationsimpfungen gelten grundsätzlich für alle Formen des Diabetes mellitus – also sowohl für Typ 1, Typ 2 als auch für andere spezifische Diabetesformen. Die Impfempfehlungen unterscheiden nicht nach Diabetestyp, sondern nach dem Vorliegen der Grunderkrankung „Diabetes mellitus” und den jeweiligen Begleiterkrankungen. Zusätzliche Impfungen können bei stark immunsupprimierten Typ-1-Diabetikern (z. B. durch Kortikosteroide bei Autoimmunerkrankungen) sinnvoll sein – das beurteilt der Arzt individuell.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Indikationsimpfungen bei Diabetes?
Ja. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für alle von der STIKO empfohlenen Indikationsimpfungen, wenn eine entsprechende Grunderkrankung – wie Diabetes mellitus – vorliegt. Das gilt für Influenza, Pneumokokken und Hepatitis B. Sprechen Sie mit Ihrer Krankenkasse, wenn Sie Fragen zur Kostenerstattung haben. Bei privatversicherten Patienten hängt die Kostenübernahme vom jeweiligen Tarif ab.
Darf man sich impfen lassen, wenn der Blutzucker gerade schlecht eingestellt ist?
Bei leicht oder mäßig erhöhten Werten ist eine Impfung in aller Regel möglich und unbedenklich. Bei stark erhöhten Blutzuckerwerten (> 250–300 mg/dl, > 13,9–16,7 mmol/l) oder einer akuten Infektion ist es sinnvoll, mit dem Arzt zu besprechen, ob die Impfung verschoben werden sollte. Akute Erkrankungen mit Fieber sind eine allgemein anerkannte Kontraindikation für Impfungen. Chronisch schlecht eingestellter Diabetes dagegen ist kein Grund, Impfungen dauerhaft zu verschieben – im Gegenteil, gerade dann ist Impfschutz besonders wichtig.
⚕ Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Impfentscheidungen sind individuell und sollten stets mit dem behandelnden Arzt oder Diabetologen besprochen werden. Medikamentendosen und Insulinmengen dürfen ausschließlich nach Absprache mit Ihrem Arzt verändert werden. Dieser Artikel enthält keine Heilsversprechen im Sinne des Heilmittelwerbegesetzes (HWG).
Quellen
- Robert Koch-Institut (RKI) / STIKO: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim RKI. Epidemiologisches Bulletin 4/2024. rki.de/STIKO
- Smith SA, Poland GA: Use of influenza and pneumococcal vaccines in people with diabetes. Diabetes Care. 2000;23(1):95–108. PubMed 10857983
- Muller LM, et al.: Increased risk of common infections in patients with type 1 and type 2 diabetes mellitus. Clin Infect Dis. 2005;41(3):281–8. PubMed 16007521
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlungen zur Diabetologie. Diabetologie. 2023;18(Suppl 2). deutsche-diabetes-gesellschaft.de
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Influenza vaccination of people with diabetes. MMWR. 2012;61(32):629–633. PubMed 22895980

