Menschen mit Typ-2-Diabetes nehmen im Durchschnitt fünf bis sieben Medikamente täglich ein. Neben Antidiabetika kommen häufig Mittel gegen Bluthochdruck, Cholesterinsenker, Schmerzmedikamente, Schlafmittel oder Antidepressiva hinzu. Ab fünf gleichzeitigen Medikamenten spricht die Medizin von Polypharmazie – einem Phänomen, das insbesondere ältere Menschen mit Diabetes betrifft und erhebliche Risiken durch Wechselwirkungen mit sich bringen kann. Dieser Artikel erklärt, worauf es dabei ankommt und wie Sie mit Ihrem Arzt und Apotheker das Risiko minimieren können.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel liefert allgemeine Informationen zu Polypharmazie bei Diabetes. Die Bewertung Ihrer individuellen Medikation obliegt ausschließlich Ihrem Arzt und Apotheker. Ändern Sie Medikamente oder Dosierungen niemals eigenständig.
Was ist Polypharmazie?
Der Begriff „Polypharmazie” (aus dem Griechischen: polys = viel, pharmakon = Mittel) beschreibt die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente durch denselben Patienten. Die gebräuchlichste Definition spricht von Polypharmazie ab 5 oder mehr Arzneimitteln gleichzeitig (Masnoon et al. BMC Geriatrics. 2017). In der Praxis werden verschiedene Schwellenwerte verwendet:
- Polypharmazie: ≥ 5 Medikamente täglich
- Hyperpolypharmazie (exzessive Polypharmazie): ≥ 10 Medikamente täglich
Polypharmazie ist nicht per se ein Problem – sie kann medizinisch notwendig und leitliniengerecht sein, wenn ein Patient mehrere Erkrankungen gleichzeitig behandeln muss. Das Problem entsteht, wenn Medikamente nicht aufeinander abgestimmt sind, Wechselwirkungen entstehen oder die Therapie durch verschiedene Fachärzte unkoordiniert wächst.
Warum sind Diabetiker besonders betroffen?
Diabetes tritt selten allein auf. Laut DDG haben mehr als 70 % der Menschen mit Typ-2-Diabetes mindestens eine weitere chronische Erkrankung (Komorbiditäten), darunter:
- Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck): 75 % der Typ-2-Diabetiker
- Fettstoffwechselstörung (Hyperlipidämie): 60–70 %
- Chronische Nierenerkrankung (CKD): 20–40 %
- Depression: 15–25 %
- Herzinsuffizienz, KHK, PAVK
Für jede Begleiterkrankung werden leitliniengemäß ein oder mehrere Medikamente eingesetzt – so kommt schnell ein komplexes Medikamentenregime zusammen. Hinzu kommen Selbstmedikation (Schmerzmittel, Nahrungsergänzungsmittel) und Medikamente, die Patienten vergessen zu erwähnen, weil sie sie „nur bei Bedarf” nehmen.
Häufige Wechselwirkungen bei Diabetes
NSAIDs und die Niere – ein unterschätztes Risiko
Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAIDs) wie Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen sind gängige Schmerzmittel – und bei Diabetikern mit Nierenproblemen besonders riskant. NSAIDs hemmen Prostaglandine, die für die Nierenperfusion wichtig sind. Bei eingeschränkter Nierenfunktion (häufig bei Diabetes) kann die Einnahme von NSAIDs die Nierenfunktion weiter verschlechtern. Zusätzlich können NSAIDs den blutdrucksenkenden Effekt von ACE-Hemmern (die bei Diabetikern oft eingesetzt werden) abschwächen – und durch Natriumretention den Blutdruck erhöhen. Als Alternative sind Paracetamol (in moderaten Dosen) oder bei starken Schmerzen Opioide (nach ärztlicher Abwägung) in der Regel nierenfreundlicher.
Metformin und Kontrastmittel / Niereninsuffizienz
Metformin ist das meisteingesetzte orale Antidiabetikum und bei den meisten Typ-2-Diabetikern erste Wahl. Allerdings muss Metformin pausiert werden:
- Bei einer eGFR < 30 ml/min/1,73 m² (kontraindiziert), bei eGFR 30–45 nur mit reduzierter Dosis
- Vor Gabe von jodhaltigen Röntgenkontrastmitteln (mindestens 48 Stunden vorher absetzen, danach erst nach Kontrolle der Nierenwerte wieder beginnen)
- Bei akuten Erkrankungen mit Dehydrierung oder Operationen unter Vollnarkose
Betablocker und Hypoglykämie-Wahrnehmung
Betablocker (z. B. Metoprolol, Bisoprolol) werden bei Diabetikern häufig wegen Bluthochdruck oder Herzerkrankungen eingesetzt. Sie können jedoch Symptome der Hypoglykämie verschleiern: Herzrasen und Zittern – typische Warnsignale – können unter Betablockern abgeschwächt sein. Schwitzen bleibt hingegen erhalten. Diabetiker unter Insulintherapie oder Sulfonylharnstoffen sollten dies wissen und ggf. häufiger messen.
Kortikosteroide und Blutzucker
Kortison-Präparate (Kortikosteroide, z. B. Prednisolon, Dexamethason) erhöhen den Blutzucker erheblich – durch Steigerung der Glukoneogenese und Insulinresistenz. Bei bekanntem Diabetes ist unter Kortison-Therapie eine intensive BZ-Überwachung und ggf. Anpassung der Diabetestherapie durch den Arzt erforderlich. Kurzzeit-Kortison (z. B. bei Allergien) ist eine kurzfristige Entgleisung; Langzeit-Kortison (z. B. bei Rheuma, Immunsuppression) erfordert eine dauerhafte Anpassung des Antidiabetika-Regimes.
Weitere relevante Kombinationen
| Kombination | Mögliche Wechselwirkung | Maßnahme |
|---|---|---|
| Sulfonylharnstoffe + Fluconazol (Antimykotikum) | Erhöhte Hypoglykämiegefahr (Hemmung des CYP2C9-Enzyms) | BZ engmaschig kontrollieren, Arzt informieren |
| ACE-Hemmer + kaliumsparende Diuretika | Hyperkaliämie (besonders bei Niereninsuffizienz) | Regelmäßige Kaliumkontrollen |
| Metformin + Alkohol | Erhöhtes Laktatazidose-Risiko (selten, aber schwer) | Alkohol meiden oder stark einschränken |
| SGLT-2-Hemmer + Schleifendiuretika | Dehydrierungsrisiko, Blutdruckabfall | Ausreichend trinken, Arzt informieren |
| Fluoroquinolone + orale Antidiabetika | Blutzucker kann sinken oder steigen (unvorhersehbar) | BZ-Kontrolle intensivieren |
Der Medikationsplan: Ihr wichtigstes Sicherheitsnetz
Seit 2016 haben gesetzlich Versicherte in Deutschland, die dauerhaft mindestens 3 Medikamente einnehmen, einen gesetzlichen Anspruch auf einen einheitlichen Medikationsplan (§ 31a SGB V). Dieser Plan listet alle verschriebenen Medikamente, Dosierungen und Einnahmezeiten in standardisierter Form auf – auch als Barcoded-Version für elektronische Lesegeräte.
- Hausarzt als koordinierender Arzt: Bitten Sie Ihren Hausarzt, alle Medikamente aller Fachärzte in einem zentralen Medikationsplan zusammenzufassen
- Apotheken-Medikationscheck (AMTS): Viele Apotheken bieten einen strukturierten Medikationscheck (Arzneimitteltherapiesicherheits-Check) an – teils kostenlos oder per Kassenvertrag
- Aktualität sichern: Ergänzen Sie Selbstmedikation (Aspirin, Ibuprofen, Nahrungsergänzungsmittel) im Medikationsplan – auch „harmlose” Mittel können Wechselwirkungen auslösen
Mehr über Medikamente bei Typ-2-Diabetes lesen Sie in unserem Artikel über SGLT-2-Hemmer – Wirkungsweise, Vorteile und Risiken.
Deprescribing: Wann weniger mehr ist
Deprescribing (gezieltes Absetzen unnötiger Medikamente) ist ein wachsendes Forschungsfeld in der Geriatrie. Nicht jedes Medikament, das irgendwann einmal verordnet wurde, ist heute noch nötig oder risikoarm. Besonders bei älteren Diabetikern (> 70 Jahre) kann eine weniger strikte HbA1c-Kontrolle (Ziel: 7,5–8,5 %) sinnvoll sein, um Hypoglykämien und Polypharmazie zu vermeiden. Ein geriatrisches Assessment beim Hausarzt oder Geriater kann helfen, das Medikamentenregime zu überprüfen und unnötige Präparate sicher abzusetzen.
Hinweis: Setzen Sie niemals Medikamente auf eigene Initiative ab. Bitte sprechen Sie mit Ihrem Arzt.
Häufige Fragen: Polypharmazie bei Diabetes (FAQ)
Wie viele Medikamente sind bei Diabetes normal?
Es gibt keine „normale” Anzahl – das hängt von den individuellen Erkrankungen, der Krankheitsdauer und dem Alter ab. Menschen mit Typ-2-Diabetes und typischen Begleiterkrankungen (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Herzerkrankung) nehmen oft 5–8 Medikamente täglich ein, was medizinisch begründet und leitlinienkonform sein kann. Problematisch wird es, wenn Medikamente nicht aufeinander abgestimmt sind, Wechselwirkungen entstehen oder die Lebensqualität durch Nebenwirkungen beeinträchtigt wird. Ein regelmäßiger Medikationscheck beim Hausarzt – mindestens einmal jährlich – ist empfehlenswert.
Darf ich bei Diabetes Ibuprofen nehmen?
Bei intakter Nierenfunktion und kurzfristiger Einnahme ist Ibuprofen für die meisten Diabetiker kein akutes Problem. Problematisch wird es bei eingeschränkter Nierenfunktion (CKD), Herzinsuffizienz, gleichzeitiger Einnahme von ACE-Hemmern oder Diuretika sowie bei Dehydrierung. In diesen Situationen kann Ibuprofen die Nierenfunktion akut verschlechtern. Als generelle Faustregel gilt: Bei Diabetes und bekannten Organschäden (Niere, Herz) sollten NSAIDs wie Ibuprofen möglichst gemieden und Paracetamol in moderaten Dosen bevorzugt werden. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt, bevor Sie regelmäßig Schmerzmittel einnehmen.
Wo bekomme ich einen kostenlosen Medikationscheck?
Viele Apotheken bieten den Arzneimitteltherapiesicherheits-Check (AMTS) an – eine strukturierte Überprüfung aller Ihrer Medikamente auf Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und mögliche Unverträglichkeiten. Teils ist dies kostenlos, teils über Selektivverträge mit Krankenkassen abgedeckt. Ihr Hausarzt kann ebenfalls einen Medikationscheck durchführen und ist laut Gesetz (§ 31a SGB V) verpflichtet, einen einheitlichen Medikationsplan zu erstellen, wenn Sie dauerhaft mindestens 3 Medikamente einnehmen. Fragen Sie aktiv danach.
⚕ Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ändern Sie Ihre Medikation oder Dosierung niemals eigenmächtig. Wechselwirkungen und Risiken können nur von Ihrem Arzt und Apotheker im Kontext Ihrer vollständigen Krankengeschichte und Medikamentenliste beurteilt werden. Medikamentendosen und Insulinmengen dürfen ausschließlich nach Absprache mit Ihrem Arzt verändert werden. Dieser Artikel enthält keine Heilsversprechen im Sinne des Heilmittelwerbegesetzes (HWG).
Quellen
- Masnoon N, et al.: What is polypharmacy? A systematic review of definitions. BMC Geriatrics. 2017;17:230. PubMed 29017448
- Bundesministerium für Gesundheit: Medikationsplan nach § 31a SGB V. 2016. bundesgesundheitsministerium.de
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlungen zur Diabetologie. Diabetologie. 2023;18(Suppl 2). deutsche-diabetes-gesellschaft.de
- Schmiedl S, Rottenkolber M, et al.: Preventable adverse drug reactions in patients with polypharmacy. Dtsch Arztebl Int. 2021;118(29-30):510–516. PubMed 34585657
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Einheitlicher Medikationsplan. bfarm.de. bfarm.de

