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Diabetische Retinopathie: Früherkennung, Symptome und Behandlung
Die diabetische Retinopathie ist eine der gefürchtetsten Langzeitkomplikationen des Diabetes und die häufigste Ursache für eine Erblindung im erwerbsfähigen Alter in Deutschland. Das Heimtückische: In frühen Stadien verursacht die Erkrankung keinerlei Sehbeschwerden. Bis Sehverlust bemerkt wird, kann die Netzhaut bereits schwer geschädigt sein. Regelmäßige Augenuntersuchungen und eine gute Blutzuckereinstellung sind daher entscheidend – und können Sehverlust in vielen Fällen verhindern oder hinauszögern.
Was ist diabetische Retinopathie?
Als Retinopathie bezeichnet man eine Erkrankung der Netzhaut (Retina) des Auges. Die diabetische Form entsteht durch dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte, die die kleinen Blutgefäße (Mikroangiopathie) in der Netzhaut schädigen. Diese Gefäße sind für die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der lichtempfindlichen Nervenzellen (Photorezeptoren) zuständig.
Laut einer Metaanalyse von Yau et al. (2012) weisen weltweit rund 34,6 Millionen Menschen mit Diabetes eine sehbedrohende Retinopathie auf. In Deutschland leiden schätzungsweise 20–30 % aller Diabetiker an einer Form der diabetischen Retinopathie. (Yau JW et al., Diabetes Care 2012, PMID 22301125)
Wie entsteht diabetische Retinopathie?
Chronisch erhöhter Blutzucker schädigt die Gefäßwände auf mehreren Ebenen:
- Perizytenverlust: Stützzellen der Gefäßwand gehen zugrunde → Mikroaneurysmen (kleine Aussackungen) entstehen
- Erhöhte Gefäßpermeabilität: Flüssigkeit und Lipide treten aus den Kapillaren aus → Exsudate und Ödeme
- Gefäßverschluss: Durchblutungsstörungen in der Netzhaut → Minderperfusion bestimmter Bereiche (Ischämie)
- Neovaskularisation: Als Reaktion auf die Ischämie bildet der Körper neue, aber fragile Gefäße (Proliferation) → Blutungen und Vernarbungen
Stadien der diabetischen Retinopathie
| Stadium | Befund | Sehbeeinträchtigung |
|---|---|---|
| Milde nicht-proliferative DR (NPDR) | Mikroaneurysmen | Keine |
| Mäßige NPDR | Mikroaneurysmen, Hämorrhagien, harte Exsudate | Selten |
| Schwere NPDR | Ausgeprägte Hämorrhagien in 4 Quadranten, venöse Perlschnurveränderungen, intraretinale Gefäßanomalien (IRMA) | Möglich |
| Proliferative DR (PDR) | Neovaskularisation auf Papille oder Retina, Glaskörperblutung, Traktionsablatio | Oft stark, bis zur Erblindung |
| Diabetisches Makulaödem (DMÖ) | Flüssigkeit in oder unter der Makula (kann in jedem Stadium auftreten) | Oft, da Lesefähigkeit betroffen |
Das diabetische Makulaödem (DMÖ) verdient besondere Beachtung: Es betrifft den Bereich des schärfsten Sehens (Makula) und ist häufig für eine schleichend nachlassende Sehschärfe verantwortlich – selbst in frühen Stadien der Retinopathie.
Symptome: Warum Früherkennung so wichtig ist
In frühen und mittleren Stadien der diabetischen Retinopathie bestehen oft keinerlei Beschwerden. Sehveränderungen, die auf eine fortgeschrittene Retinopathie hinweisen können:
- Verschwommenes Sehen (v. a. beim Lesen)
- Plötzliche „Rußregen“ oder schwimmende Flocken (Glaskörperblutung)
- Dunkle Flecken im Gesichtsfeld
- Plötzlicher starker Sehverlust auf einem Auge
Warten Sie nicht auf Symptome, um zum Augenarzt zu gehen. Wenn Sehverlust spürbar wird, ist die Erkrankung oft schon weit fortgeschritten und schwieriger zu behandeln.
Risikofaktoren für diabetische Retinopathie
- Diabetesdauer: Nach 20 Jahren Diabetes haben nahezu alle Typ-1-Diabetiker eine Retinopathie in irgendeiner Form
- HbA1c-Wert: Der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor – jede Senkung des HbA1c kann das Fortschreiten der Retinopathie bremsen
- Bluthochdruck: Erhöht das Risiko erheblich; Ziel <130/80 mmHg
- Dyslipidämie: Erhöhte Blutfette begünstigen harte Exsudate
- Rauchen: Verschlechtert die Mikrozirkulation und erhöht das Risiko
- Nephropathie: Gemeinsames Auftreten von Nieren- und Augenkomplikationen häufig
- Schwangerschaft: Kann bestehende Retinopathie verschlechtern
Screening: Wann zum Augenarzt?
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt folgende Screeningintervalle:
| Diabetesform | Erstes Screening | Folgeuntersuchungen |
|---|---|---|
| Typ-1-Diabetes | 5 Jahre nach Diagnose (oder bei Pubertät) | Jährlich |
| Typ-2-Diabetes | Bei Diagnosestellung (DR kann schon vorliegen) | Jährlich; bei normalen Befunden alle 2 Jahre möglich |
| Gestationsdiabetes | Bei Diagnose | Je nach Befund |
| Bekannte Retinopathie (schwere NPDR/PDR) | – | Alle 3–6 Monate beim Augenarzt |
Die Untersuchung erfolgt beim Augenarzt durch Funduskopie (Spiegelung des Augenhintergrunds) nach Pupillenerweiterung, alternativ durch digitale Funduskamera oder OCT (Optische Kohärenztomographie) für den Makulabefund.
Behandlungsmöglichkeiten
Laserphotokoagulation
Die panretinale Laserkoagulation ist Standardtherapie bei schwerer NPDR und proliferativer Retinopathie. Durch Lasernarben werden ischämische Bereiche verödet, wodurch der Anreiz zur Neovaskularisation sinkt. Die Methode kann bestehende Sehschärfe nicht wiederherstellen, verhindert aber weiteren Verlust. (ETDRS Report #1, Arch Ophthalmol 1985, PMID 2866759)
Anti-VEGF-Injektionen
Intravitreale Anti-VEGF-Injektionen (z. B. Ranibizumab, Aflibercept, Bevacizumab) sind Therapie der ersten Wahl beim zentralen diabetischen Makulaödem (DMÖ). Sie hemmen den Wachstumsfaktor VEGF, der für die Gefäßleckage und Neovaskularisation verantwortlich ist. Regelmäßige Injektionen ins Auge (unter lokaler Betäubung) können die Sehschärfe stabilisieren oder verbessern.
Vitrektomie
Bei schwerer proliferativer Retinopathie mit Glaskörperblutung oder Traktionsnetzhautablösung ist eine Vitrektomie (operative Entfernung des Glaskörpers) notwendig.
Prävention: Was kann ich selbst tun?
- Gute Blutzuckereinstellung: HbA1c-Ziel individuell mit dem Arzt festlegen und einhalten – das UKPDS und DCCT haben eindeutig gezeigt, dass bessere Glykämie das Retinopathierisiko senkt
- Blutdruckkontrolle: RR <130/80 mmHg anstreben; Antihypertensiva (v. a. ACE-Hemmer) schützen auch die Netzhautgefäße
- Rauchstopp: Einer der wirksamsten Schritte zur Verbesserung der Mikrozirkulation
- Lipidkontrolle: Erhöhte Triglyzeride begünstigen harte Exsudate
- Regelmäßige Augenkontrollen: Jahres-Screening konsequent einhalten
Einen guten Überblick über erreichbare Blutzuckerziele bietet unser Artikel über den Nüchternblutzucker und seine Normalwerte.
Häufige Fragen zur diabetischen Retinopathie (FAQ)
Kann diabetische Retinopathie geheilt werden?
Eine vollständige Heilung der diabetischen Retinopathie ist derzeit nicht möglich. Behandlungen wie Laserkoagulation und Anti-VEGF-Injektionen können jedoch das Fortschreiten aufhalten und in bestimmten Stadien die Sehschärfe verbessern oder erhalten. Der wirksamste Schutzmechanismus ist nach wie vor die konsequente Blutzucker- und Blutdruckeinstellung, die das Entstehen und Voranschreiten der Erkrankung bremsen kann.
Ab wann sollte ich mit dem Augenschreening beginnen?
Bei Typ-1-Diabetes beginnt das Screening 5 Jahre nach Diagnosestellung, spätestens jedoch mit Beginn der Pubertät. Bei Typ-2-Diabetes sollte die erste Augenuntersuchung bereits bei der Diabetesdiagnose erfolgen, da die Erkrankung oft jahrelang unbemerkt verläuft und zum Diagnosezeitpunkt schon eine Retinopathie vorliegen kann. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt und vereinbaren Sie einen Termin beim Augenarzt.
Ist diabetische Retinopathie das Gleiche wie grüner oder grauer Star?
Nein. Die diabetische Retinopathie ist eine Erkrankung der Netzhautgefäße. Grauer Star (Katarakt) ist eine Trübung der Augenlinse – auch sie tritt bei Diabetikern häufiger und früher auf. Grüner Star (Glaukom) ist eine Schädigung des Sehnervs durch erhöhten Augeninnendruck. Alle drei Erkrankungen kommen bei Diabetikern überdurchschnittlich häufig vor, haben aber unterschiedliche Ursachen und Behandlungsansätze.
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Für eine optimale Prävention sind gute Blutzucker- und Blutdruckkontrolle entscheidend. Empfehlenswert sind validierte Oberarm-Blutdruckmessgeräte sowie Blutzuckermessgeräte mit Teststreifen-Set für die regelmäßige häusliche Kontrolle.
⚕ Medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder augenärztliche Beratung. Bei Sehveränderungen, neuen Symptomen oder Unsicherheiten zur diabetischen Augenkomplikation wenden Sie sich bitte umgehend an Ihren Augenarzt oder Diabetologen. Veränderungen an Insulindosen oder anderen Medikamenten dürfen ausschließlich in Absprache mit dem behandelnden Arzt vorgenommen werden.
Quellen
- Yau JW et al.: Global Prevalence and Major Risk Factors of Diabetic Retinopathy. Diabetes Care. 2012;35(3):556-564. PubMed 22301125
- Early Treatment Diabetic Retinopathy Study Research Group (ETDRS): Photocoagulation for diabetic macular edema. Arch Ophthalmol. 1985;103(12):1796-1806. PubMed 2866759
- Cheung N, Mitchell P, Wong TY: Diabetic retinopathy. Lancet. 2010;376(9735):124-136. PubMed 20580421
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) / Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG): Leitlinie Diabetische Retinopathie und Makulopathie, 2016/2023. deutsche-diabetes-gesellschaft.de
