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Time in Range (TiR) – der neue CGM-Goldstandard bei Diabetes

Time in Range (TiR) – der neue CGM-Goldstandard bei Diabetes

Medizinischer Hinweis: Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Beratung. Änderungen an Medikamenten- oder Insulindosen nur in Absprache mit einem Arzt.

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Wie viel Zeit verbringen Sie mit Ihrem Blutzucker im grünen Bereich? Genau das misst die Time in Range (TiR) – der Anteil der Zeit, in der der Glukosespiegel im definierten Zielbereich liegt. Seit dem internationalen Konsensusdokument von 2019 gilt TiR als wichtige Ergänzung – und in vielen Situationen als überlegene Alternative – zum klassischen HbA1c-Wert. Dieser Artikel erklärt, was TiR bedeutet, welche Zielwerte gelten, wie CGM-Geräte die TiR berechnen und was Sie im Arztgespräch darüber wissen sollten.

Was bedeutet Time in Range?

Time in Range ist der prozentuale Anteil der Zeit, in der der Glukosewert im Zielbereich von 70–180 mg/dl (3,9–10,0 mmol/l) liegt, gemessen über einen definierten Zeitraum (üblicherweise 14 oder 90 Tage). Der Zielbereich wurde im internationalen Konsensusdokument (Battelino et al., Diabetes Care, 2019) definiert, an dem Experten aus mehr als 20 Fachgesellschaften beteiligt waren.

24 Stunden täglich – 1.440 Minuten – davon sollte mindestens 70 % der Zeit im Zielbereich verbracht werden. Das entspricht etwa 17 von 24 Stunden pro Tag.

Die TiR-Ampel: Alle Bereiche im Überblick

Das TiR-Konzept unterscheidet nicht nur zwischen „im Ziel“ und „außerhalb“. Es definiert fünf Bereiche, die zusammen das vollständige Glukoseprofil abbilden:

BereichGlukosewertAbkürzungZielwert (Typ 1 / Typ 2)
Sehr niedriger Bereich< 54 mg/dl (3,0 mmol/l)TBR L2< 1 %
Niedriger Bereich54–70 mg/dl (3,0–3,9 mmol/l)TBR L1< 4 % (insgesamt < 4 % für beide Niedrig-Bereiche)
Zielbereich70–180 mg/dl (3,9–10,0 mmol/l)TIR> 70 %
Hoher Bereich180–250 mg/dl (10,0–13,9 mmol/l)TAR L1< 25 %
Sehr hoher Bereich> 250 mg/dl (13,9 mmol/l)TAR L2< 5 %

Diese fünf Bereiche addieren sich immer auf 100 % und ermöglichen eine differenzierte Beurteilung: Wieviel Zeit verbringt jemand in gefährlich niedrigen Werten? Wie viel in sehr hohen? Das HbA1c kann diese Differenzierung nicht leisten.

Warum ist TiR besser als der HbA1c allein?

Der HbA1c-Wert hat unbestrittene Stärken: Er ist ein robuster, weltweit standardisierter Marker für die langfristige Blutzuckereinstellung und gut mit dem Komplikationsrisiko korreliert. Doch er hat entscheidende Schwächen:

  • Kein Bild der Schwankungen: Ein guter HbA1c kann das Ergebnis vieler Hypoglykämien sein, die den Mittelwert künstlich senken.
  • Quartalsweise Information: Der HbA1c liefert nur alle 3 Monate einen Wert. Änderungen sind erst verzögert sichtbar.
  • Eingeschränkte Aussagekraft: Bei Anämie, Hämoglobinvarianten, Schwangerschaft oder Niereninsuffizienz kann der HbA1c verfälscht sein.
  • Kein Therapie-Feedback: Man sieht nicht, wann und warum Werte schlecht waren – nur das Gesamtergebnis.

TiR hingegen liefert tagesaktuell ein vollständiges Bild der Glukoseverteilung. Studien haben gezeigt, dass TiR stark mit dem HbA1c korreliert: Eine 10-prozentige Erhöhung der TiR entspricht ungefähr einer Senkung des HbA1c um 0,8 Prozentpunkte (Beck et al., Diabetes Care 2019). Gleichzeitig ist TiR mit dem Auftreten diabetischer Komplikationen assoziiert: Lu et al. (Diabetes Care 2018) zeigten, dass eine niedrigere TiR mit einem höheren Risiko für Retinopathie verbunden ist.

Spezielle TiR-Zielwerte für besondere Patientengruppen

Der Standardzielwert von > 70 % TiR gilt für die meisten Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Für bestimmte Gruppen gelten abweichende Ziele:

PatientengruppeTiR-ZielZielbereich
Typ-1- / Typ-2-Diabetes (Standard)> 70 %70–180 mg/dl
Ältere Patienten / hohes Hypoglykämierisiko> 50 %70–180 mg/dl
Schwangere mit Typ-1-Diabetes> 70 %63–140 mg/dl
Schwangerschaftsdiabetes> 85 %63–140 mg/dl

Für ältere Patienten oder solche mit einem erhöhten Risiko für schwere Hypoglykämien ist das TiR-Ziel weniger streng angesetzt, um das Hypoglykämierisiko zu minimieren. Die individuellen Zielwerte sollten immer mit dem behandelnden Diabetologen besprochen werden.

Wie messen CGM-Systeme die Time in Range?

Kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) messen den Glukosewert im Unterhautgewebe typischerweise alle 5 Minuten. Bei 24 Stunden ergeben sich so 288 Messwerte pro Tag. Die Software des CGM-Systems oder begleitende Apps werten automatisch aus, wie viele dieser Messwerte in welchem Bereich liegen, und berechnen daraus prozentuale Anteile für jeden der fünf Glukosebereiche.

Die Qualität der TiR-Auswertung hängt von der Sensortragzeit ab. Für eine statistisch aussagekräftige Auswertung empfiehlt der internationale Konsensus eine Mindestnutzungsdauer von 70 % der Zeit (also ca. 17 von 24 Stunden täglich) über mindestens 14 Tage. CGM-Apps wie LibreView, Dexcom Clarity oder die Tidepool-Plattform zeigen die TiR übersichtlich als Balkengrafik an.

Mehr zu CGM-Systemen und welches das richtige für Sie sein könnte, lesen Sie in unserem Artikel zu CGM-Geräten im Vergleich.

TiR im Arztgespräch – so nutzen Sie die Daten

Immer mehr Diabetologen nutzen TiR aktiv in der Therapieanpassung. Beim nächsten Arzttermin können Sie Ihre CGM-Daten als TiR-Bericht mitbringen:

  • Kurzer Blick auf den Zielbereich: Liegt TiR über oder unter 70 %?
  • Hypoglykämiezeit prüfen: Liegt TBR (Time Below Range) über 4 %? Das deutet auf zu häufige Unterzuckerungen hin.
  • Tages- und Nachtprofile vergleichen: Sind Probleme eher nachts oder tagsüber? Nach bestimmten Mahlzeiten?
  • Trends im Zeitverlauf: Hat sich die TiR durch eine Therapieänderung verbessert?

Der standardisierte AGP-Bericht (Ambulatory Glucose Profile), der von den meisten CGM-Plattformen generiert wird, zeigt TiR und alle Glukosebereiche auf einen Blick. Viele Diabetologen nutzen diesen Bericht als Grundlage für die Therapiegespräche.

Mehr zu den Normal- und Zielwerten des Blutzuckers finden Sie in unserem Artikel zu den Blutzucker-Normwerten.

TiR verbessern – was konkret hilft

Die Verbesserung der TiR ist ein erreichbares Ziel. Folgende Maßnahmen können die Zeit im Zielbereich erhöhen:

  • Ernährung anpassen: Ballaststoffreiche Lebensmittel und komplexe Kohlenhydrate dämpfen Blutzuckerspitzen. Zuckerhaltige Getränke meiden.
  • Bewegung nach dem Essen: Schon 10–15 Minuten Spaziergang nach der Hauptmahlzeit kann die postprandiale Glukosespitze deutlich reduzieren.
  • Insulin-Timing optimieren: Insbesondere bei schnell wirkendem Insulin kann ein früheres Spritzen vor dem Essen Spitzen reduzieren. Nur in ärztlicher Absprache.
  • Closed-Loop-Systeme (AID): Automatische Insulindosiersysteme (Artificial Intelligence Dosing / Closed Loop) können die TiR bei Typ-1-Diabetes erheblich verbessern.
  • Regelmäßige Nutzung des CGM: Das Feedback durch das CGM selbst – Alarme, Trendpfeile – hilft dabei, Ausreißer frühzeitig zu korrigieren.

Für die tägliche CGM-Nutzung ist das richtige Zubehör wichtig. CGM-Zubehör und Haltefolien finden Sie bei Amazon – sie helfen dabei, Sensoren auch beim Sport oder bei wechselndem Wetter zuverlässig an der Haut zu halten.

Häufige Fragen zur Time in Range (FAQ)

Was bedeutet ein TiR von 70 % konkret im Alltag?

Ein TiR von 70 % bedeutet, dass der Blutzucker an einem durchschnittlichen Tag etwa 16,8 Stunden im Zielbereich von 70–180 mg/dl liegt. Die restlichen 7,2 Stunden befinden sich die Werte entweder zu hoch oder zu niedrig. Als Minimalziel gilt dieser Wert für die meisten Menschen mit Diabetes – höhere Werte sind generell besser, sollten aber nicht auf Kosten erhöhter Hypoglykämiezeiten erkauft werden.

Kann TiR den HbA1c beim Arzt ersetzen?

TiR kann den HbA1c nicht vollständig ersetzen, aber er ergänzt ihn sinnvoll. Die DDG empfiehlt, beide Werte gemeinsam zu nutzen, da sie unterschiedliche Aspekte der Glukoseeinstellung abbilden. In Deutschland ist der HbA1c nach wie vor der Standardparameter für die Diabeteskontrolle. TiR wird zunehmend in der Therapiesteuerung bei CGM-nutzenden Patienten eingesetzt. Fragen Sie Ihren Diabetologen, wie er TiR in Ihrer Betreuung nutzt.

Welcher TiR-Wert ist bei Typ-2-Diabetes realistisch?

Auch für Typ-2-Diabetes gilt das Ziel von > 70 % TiR im Bereich 70–180 mg/dl. Menschen mit Typ-2-Diabetes ohne Insulintherapie haben tendenziell weniger ausgeprägte Hypoglykämierisiken, aber können hohe postprandiale Spitzen zeigen, die die TiR senken. Mit Ernährungsanpassungen und Bewegung ist eine Verbesserung der TiR auch ohne Insulintherapie gut möglich. Was individuell realistisch ist, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.


Wichtiger medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Time-in-Range-Zielwerte sind individuell. Sprechen Sie mit Ihrem Diabetologen darüber, welche Zielwerte für Ihre Situation geeignet sind und welche Therapieanpassungen sinnvoll sein könnten. Insulindosen und Medikamente dürfen nur nach ärztlicher Absprache geändert werden.

Quellen

  • Battelino T et al.: Clinical Targets for CGM Data Interpretation: Recommendations From the International Consensus on Time in Range. Diabetes Care. 2019;42(8):1593–1603. PubMed 31171598
  • Beck RW et al.: Validation of Time in Range as an Outcome Measure for Diabetes Clinical Trials. Diabetes Care. 2019;42(3):400–405. PubMed 30510204
  • Lu J et al.: Association of Time in Range, as Assessed by Continuous Glucose Monitoring, With Diabetic Retinopathy in Type 2 Diabetes. Diabetes Care. 2018;41(11):2370–2376. PubMed 30181154
  • Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlungen 2023. deutsche-diabetes-gesellschaft.de
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