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Blutzucker bei Infekten – warum Erkrankungen den Spiegel erhöhen
Wer mit Diabetes Typ 1 oder Typ 2 an einer Erkältung, einem grippalen Infekt oder einer anderen Erkrankung leidet, erlebt oft überraschend hohe Blutzuckerwerte – obwohl vielleicht kaum gegessen wird. Dieser Effekt ist medizinisch gut erklärt, aber für viele Betroffene verwirrend und potenziell gefährlich. Dieser Artikel erklärt die Physiologie hinter erhöhten Blutzuckerwerten bei Krankheit, erläutert die sogenannten Sick-Day-Rules und gibt Orientierung, wann ein Arztanruf erforderlich ist.
Wichtiger Hinweis: Alle Maßnahmen zur Insulinanpassung und Medikamentendosierung bei Krankheitstagen müssen vorab mit Ihrem Arzt oder Diabetesteam besprochen werden. Dieser Artikel gibt allgemeine Information, keine individuelle Therapieanweisung.
Warum steigt der Blutzucker bei Krankheit?
Der menschliche Körper reagiert auf Infektionen und Entzündungen mit einer koordinierten Stressreaktion. Dabei spielen zwei Hormongruppen eine zentrale Rolle:
Stresshormone und ihre Wirkung auf den Blutzucker
- Cortisol: Das wichtigste Stresshormon hemmt die Insulinwirkung an der Muskel- und Leberzelle (kontrainsulinäre Wirkung) und stimuliert gleichzeitig die Glukoseproduktion in der Leber (Glukoneogenese). Bei einem Infekt steigt Cortisol oft stark an.
- Adrenalin und Noradrenalin: Fördern ebenfalls die Glukosefreisetzung aus der Leber (Glykogenolyse) und hemmen die Insulinsekretion in der Bauchspeicheldrüse.
- Wachstumshormon und Glucagon: Beide werden bei Stresszuständen vermehrt ausgeschüttet und wirken dem Insulin entgegen.
- Proinflammatorische Zytokine: Entzündungsbotenstoffe wie IL-1β, IL-6 und TNF-α verschlechtern die Insulinsensitivität auf Zellebene.
Das Ergebnis: Der Körper produziert und mobilisiert mehr Glukose, während gleichzeitig die Insulinwirkung abnimmt. Selbst wenn kaum Nahrung aufgenommen wird, kann der Blutzucker deutlich ansteigen. Bei Typ-1-Diabetes fehlt ohnehin körpereigenes Insulin; bei Typ-2-Diabetes kann ein Infekt eine gut eingestellte Therapie vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringen.
Das Risiko: Ketoazidose und hyperosmolares Koma
Ein unkontrollierter Blutzuckeranstieg bei Typ-1-Diabetes kann in eine diabetische Ketoazidose (DKA) münden: Ohne ausreichend Insulin schaltet der Körper auf Fettverbrennung um und produziert Ketonkörper. Ein Überschuss an Ketonkörpern versäuert das Blut gefährlich. Die DKA ist ein medizinischer Notfall. Bei Typ-2-Diabetes besteht das Risiko eines hyperosmolaren hyperglykämischen Zustands (HHS), ebenfalls ein Notfall.
Forschungsdaten zeigen, dass Infektionen zu den häufigsten Auslösern einer DKA gehören (Umpierrez et al., J Clin Endocrinol Metab 2002, PMID 11889147).
Sick-Day-Rules: Allgemeine Orientierungsprinzipien
Sick-Day-Rules sind Handlungsempfehlungen für Menschen mit Diabetes für Krankheitstage. Ihre persönlichen Sick-Day-Rules müssen Sie gemeinsam mit Ihrem Diabetesteam erarbeiten – die folgenden Punkte sind allgemeine Orientierungsprinzipien, keine individuelle Anleitung.
1. Häufiger messen
- Bei Krankheit: Blutzucker mindestens alle 2–4 Stunden messen, auch nachts bei Typ-1-Diabetes
- Werte über 250 mg/dL (13,9 mmol/L): besondere Aufmerksamkeit, Arzt/Diabetesteam kontaktieren
- CGM-Alarme erhöhter Werte nicht ignorieren
Für Menschen mit Typ-1-Diabetes ist ein Blut-Ketonmessgerät mit Teststreifen (Amazon) ein wichtiges Hilfsmittel bei Krankheitstagen. Ob ein solches Gerät für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie mit Ihrem Arzt.
2. Ketonkörper prüfen (Typ 1)
- Bei Typ-1-Diabetes und Blutzucker über 250 mg/dL: Ketonmessung empfohlen (Blut oder Urin)
- Blut-Ketonwert > 1,5 mmol/L: Arzt oder Notaufnahme kontaktieren
- Blutketone sind präziser als Urinketonstreifen
3. Flüssigkeit zugführen
- Ausreichend trinken (Wasser, ungezückerter Tee) – mindestens 100–150 ml pro Stunde
- Bei Fieber: erhöhter Flüssigkeitsbedarf
- Bei anhaltender Übelkeit oder Erbrechen: sehr kleine Mengen, aber regelmäßig
4. Insulin bei Typ 1 nie eigenmächtig absetzen
Bei Typ-1-Diabetes darf Basalinsulin auch bei Nahrungsverweigerung nie eigenständig abgesetzt werden. Bolusdosen müssen angepasst werden – wie, besprechen Sie vorab in Ihren Sick-Day-Rules mit dem Diabetesteam.
5. Wann sofort Arzt oder Notaufnahme
| Situation | Empfohlene Maßnahme |
|---|---|
| Ketonwert im Blut > 1,5 mmol/L | Arzt/Notaufnahme sofort |
| Anhaltende Übelkeit/Erbrechen, kann nicht trinken | Arzt/Notaufnahme |
| Bewusstseinstrübung oder Verwirrtheit | Notruf 112 |
| Blutzucker trotz Korrektur über 300 mg/dL weiter steigend | Arzt kontaktieren |
| Atemgeruch nach Aceton (Obst/Nagellack) | Zeichen von Ketoazidose, sofort Arzt |
| Körpertemperatur > 39 °C länger als 24 h | Ärztliche Beurteilung |
Medikamente bei Krankheitstagen
Einige Diabetes-Medikamente müssen bei Erkrankung besonders beachtet werden. Änderungen dürfen nur nach ärztlicher Rücksprache vorgenommen werden:
- Metformin: Bei Erbrechen, Durchfall oder Dehydratation sollte die Einnahme vorübergehend pausiert werden (Laktatazidose-Risiko). Besprechen Sie dieses Szenario vorab mit Ihrem Arzt.
- SGLT-2-Hemmer (Gliflozine): Bei Erkrankung mit Flüssigkeitsmangel besteht erhöhtes Risiko für euglykämische Ketoazidose. Rücksprache mit Arzt.
- NSAR (Ibuprofen, Diclofenac): Bei Nierenerkrankung oder Dehydratation kann die Einnahme die Nierenfunktion verschlechtern.
- Insulindosen: Bei Infekten muss Insulin oft erhöht werden, nicht gesenkt – obwohl weniger gegessen wird.
Häufige Fragen zu Blutzucker und Infekten (FAQ)
Warum ist mein Blutzucker hoch, obwohl ich kaum esse?
Bei Erkrankung schüttet der Körper Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. Diese fördern die Glukosefreisetzung aus der Leber und hemmen gleichzeitig die Insulinwirkung. Das Ergebnis: Blutzucker steigt auch ohne nennenswerte Nahrungsaufnahme. Dieser Effekt erfordert möglicherweise eine Insulinanpassung – besprechen Sie dies vorab mit Ihrem Diabetesteam.
Muss ich bei Erkältung mehr oder weniger Insulin spritzen?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Bei Typ-1-Diabetes wird Basalinsulin in der Regel beibehalten, Bolusdosen werden angepasst. Erarbeiten Sie mit Ihrem Diabetesteam vorab Sick-Day-Rules, die Ihnen konkrete Handlungsanweisungen geben. Im Zweifel: Diabetesteam anrufen.
Ab wann muss ich bei einem Infekt mit Diabetes ins Krankenhaus?
Sofort ärztliche Hilfe suchen bei: anhaltendem Erbrechen ohne Trinkmöglichkeit, Bewusstseinstrübung, Ketonwerten über 1,5 mmol/L im Blut, Atemgeruch nach Aceton oder Blutzucker über 300 mg/dL trotz Korrektur. Im Zweifel immer lieber zu früh als zu spät anrufen.
Warum sollte ich SGLT-2-Hemmer bei Krankheit absetzen?
SGLT-2-Hemmer erhöhen bei Erkrankung mit Dehydratation das Risiko für eine euglykämische Ketoazidose – eine Ketoazidose bei relativ normalen Blutzuckerwerten. Ob und wann Sie SGLT-2-Hemmer bei Krankheit pausieren sollen, besprechen Sie unbedingt vorab mit Ihrem Arzt.
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Infekte und Typ-2-Diabetes: Besonderheiten im Vergleich zu Typ 1
Menschen mit Typ-2-Diabetes erleben bei Infekten oft einen anderen Verlauf als Menschen mit Typ-1-Diabetes. Da bei Typ-2-Diabetes noch körpereigenes Insulin vorhanden ist (zumindest in frühen Krankheitsstadien), ist das Ketoazidoserisiko geringer – aber keineswegs ausgeschlossen, insbesondere wenn SGLT-2-Hemmer eingenommen werden (siehe oben). Das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) ist die schwere Entgleisung, die Typ-2-Diabetiker bei Infekten besonders bedroht: Extrem hohe Blutzuckerwerte (oft über 600 mg/dL) führen zu schwerer Dehydratation und Bewusstseinstrübung. Das HHS entwickelt sich langsam über Tage und wird oft spät erkannt.
Für beide Diabetestypen gilt: Regelmäßige Blutzuckermessungen an Krankheitstagen sind unverzichtbar – auch wenn man sich so unwohl fühlt, dass man am liebsten nichts täte. Das frühzeitige Erkennen von Entgleisungen ermöglicht rechtzeitiges Eingreifen, bevor ein Notfall entsteht.
Vorbeugung: Impfungen bei Diabetes
Die beste Strategie gegen krankheitsbedingte Blutzuckerentgleisungen ist die Vermeidung schwerer Infektionen. Die DDG und die Ständige Impfkommission (STIKO) empfehlen Menschen mit Diabetes folgende Impfungen besonders:
- Influenza (Grippe): Jährliche Impfung; Influenza kann bei Diabetes zu langen Krankheitsphasen mit erheblichen Blutzuckerentgleisungen führen.
- Pneumokokken: Schutz gegen Lungenentzündung; einmalige oder wiederholte Impfung je nach Alter und Impfschema, Arzt befragen.
- COVID-19: Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe; aktuelle Impfempfehlungen der STIKO beachten.
- Herpes zoster (Gürtelrose): Menschen mit Diabetes haben ein moderat erhöhtes Zosterrisiko; Impfempfehlung ab 60 Jahren, Arzt befragen.
Sprechen Sie Ihren Impfstatus bei der nächsten Diabeteskontrolluntersuchung aktiv an. Impfungen sind eine effektive und preiswerte Schutzmaßnahme, die bei Menschen mit Diabetes besondere Bedeutung hat.
⚕ Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Alle Maßnahmen bei Krankheitstagen – insbesondere Insulinanpassungen und das Absetzen von Medikamenten – dürfen nur nach vorheriger Absprache mit dem behandelnden Arzt oder Diabetesteam erfolgen. Bei Anzeichen einer Ketoazidose sofort den Notarzt rufen (112). Insulindosen und Medikamente dürfen nur nach ärztlicher Rücksprache verändert werden. Dieser Artikel enthält keine Heilsversprechen.
Quellen
- Umpierrez GE et al.: Hyperglycemia: an independent marker of in-hospital mortality in patients with undiagnosed diabetes. J Clin Endocrinol Metab. 2002;87(3):978–982. PubMed 11889147
- Esposito K et al.: Inflammatory cytokine concentrations are acutely increased by hyperglycemia in humans. Circulation. 2002;106(16):2067–2072. PubMed 12379575
- Scott AR (Joint British Diabetes Societies): Management of hyperosmolar hyperglycaemic state in adults with diabetes. Diabet Med. 2015;32(6):714–724. PubMed 25980647
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlung Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes 2023. ddg.info
- American Diabetes Association (ADA): Standards of Medical Care in Diabetes 2024. Diabetes Care. 2024;47(Suppl 1). diabetesjournals.org
