Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2026
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Basalrate und Bolusdosis erklärt – Basis-Bolus-Therapie verständlich
Wenn Menschen eine Insulintherapie beginnen, begegnen ihnen sofort zwei Begriffe: Basalinsulin und Bolusinsulin. Für Neu-Diagnostizierte klingt das oft verwirrend. Dabei folgt das Konzept einer einfachen Logik: Der Körper braucht Insulin rund um die Uhr – und extra Insulin bei den Mahlzeiten. Dieser Artikel erklärt verständlich, was Basalrate und Bolusdosis bedeuten, wie die Basis-Bolus-Therapie funktioniert und warum die Anpassung immer ärztlich begleitet werden muss.
Wichtiger Hinweis: Die Dosierung von Insulin ist eine medizinische Entscheidung. Veränderungen an Basalrate oder Bolusdosis dürfen ausschließlich in Absprache mit Ihrem Diabetologen oder Ihrer Diabetes-Pflegefachkraft erfolgen. Dieser Artikel dient der Wissensvermittlung – er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.
Was ist Basalinsulin – und warum braucht der Körper es?
Auch ohne Essen schüttet die Bauchspeicheldrüse kontinuierlich kleine Mengen Insulin aus. Dieser basale Insulinspiegel hat zwei Hauptaufgaben:
- Glukosefreisetzung aus der Leber bremsen: Die Leber gibt ständig Glukose ins Blut ab – Basalinsulin hält diese Abgabe in Grenzen
- Grundversorgung der Zellen: Auch in der Nacht und zwischen Mahlzeiten brauchen Zellen Insulin, um Energie aus Glukose zu gewinnen
Bei Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse gar kein eigenes Insulin mehr – das Basalinsulin muss vollständig ersetzt werden. Bei Typ-2-Diabetes kann trotz noch vorhandener Eigenproduktion Basalinsulin nötig werden, wenn die Beta-Zellen nicht mehr ausreichend Insulin produzieren.
Basalinsulin-Präparate: Wie sie funktionieren
Basalinsuline sind so entwickelt worden, dass sie langsam und gleichmäßig über viele Stunden wirken – ohne ausgeprägte Wirkungsspitzen. Das unterscheidet sie grundlegend von schnell wirkenden Mahlzeiteninsulinen.
| Basalinsulin-Typ | Wirkungsdauer | Spritz-Zeitpunkt | Beispiele |
|---|---|---|---|
| Intermediär-Insulin (NPH) | 12–18 Stunden | 1–2 × täglich | Insulatard, Humulin N |
| Langwirksame Analoga (24h) | ~24 Stunden | 1 × täglich | Insulin glargin (Lantus, Toujeo), Insulin detemir (Levemir) |
| Ultra-langwirksame Analoga | 36–42 Stunden | 1 × täglich | Insulin degludec (Tresiba) |
Welches Basalinsulin das richtige ist, entscheidet Ihr Diabetologe – individuell nach Lebensstil, Blutzuckerprofil und etwaigen Hypoglykämie-Mustern.
Was ist Bolusinsulin – und warum braucht man es zu den Mahlzeiten?
Wenn wir essen, steigt der Blutzucker rasch an – durch die aufgenommenen Kohlenhydrate, die im Darm zu Glukose abgebaut werden. Um diesen Anstieg aufzufangen, schüttet eine gesunde Bauchspeicheldrüse sofort einen großen Insulinbolus aus. Diesen Bolus muss man bei Insulintherapie selbst zuführen – in Form von schnell wirkendem Bolusinsulin (auch: Mahlzeiteninsulin oder prandialer Bolus).
Bolusinsulin-Präparate: schnell und kurz
| Bolustyp | Wirkungsbeginn | Wirkungsspitze | Wirkungsdauer | Beispiele |
|---|---|---|---|---|
| Kurzwirksames Humaninsulin | 30–60 min | 2–4 Stunden | 6–8 Stunden | Actrapid, Humulin R |
| Schnellwirksame Analoga | 10–20 min | 1–2 Stunden | 3–5 Stunden | Novorapid, Humalog, Apidra |
| Ultra-schnelle Analoga | ~5 min | <1 Stunde | 3–4 Stunden | Fiasp, Lyumjev |
Schnellwirkende Insulinanaloga werden kurz vor oder direkt mit der Mahlzeit gespritzt oder per Insulinpumpe bolussiert. Kurzwirksames Humaninsulin muss wegen des späteren Wirkungsbeginns 20–30 Minuten vor dem Essen injiziert werden.
Basis-Bolus-Therapie: Das Gesamtkonzept
Die Basis-Bolus-Therapie (auch: intensivierte Insulintherapie, ICT) ist das Therapieprinzip, das der körpereigenen Insulinausschüttung am nächsten kommt. Sie besteht aus:
- 1 Basisinsulin-Injektion (oder 2 bei NPH-Insulin) – deckt den Grundbedarf zwischen Mahlzeiten und nachts ab
- 3 oder mehr Bolusinsulin-Injektionen zu den Mahlzeiten – decken den Kohlenhydratbedarf ab
- Korrekturbolus bei Bedarf – für erhöhte Zufallswerte zwischen den Mahlzeiten
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt die intensivierte Insulintherapie (ICT/Basis-Bolus) für die meisten Menschen mit Typ-1-Diabetes sowie für Menschen mit Typ-2-Diabetes, bei denen orale Antidiabetika und basale Insulintherapie nicht ausreichen (DDG-Leitlinie S3 Insulintherapie, AWMF 057-013).
Die Basis-Bolus-Therapie im Tagesverlauf
Ein typischer Tag mit Basis-Bolus-Therapie sieht ungefähr so aus:
- Abends (22–23 Uhr): Basalinsulin spritzen (z. B. Insulin glargin 1 × täglich)
- Frühstück: Blutzucker messen → Bolusinsulin berechnen (KE × Faktor + ggf. Korrektur) → spritzen
- Mittagessen: Gleicher Ablauf mit dem Mittagsbolus
- Abendessen: Gleicher Ablauf mit dem Abendbolus
- Zwischenmahlzeiten oder Snacks: Kleinere Bolusgaben bei größeren Snacks mit relevanten Kohlenhydraten
Bolusdosis berechnen: Kohlenhydrateinheiten und Korrekturfaktoren
Kohlenhydrateinheiten (KE/BE)
1 Kohlenhydrateinheit (KE) entspricht 10 g Kohlenhydraten (in der Schweiz und Österreich: Broteinheit/BE = 12 g KH). Für jeden Menschen mit Diabetes wird vom Arzt ein individueller KE-Faktor festgelegt: Wie viele Einheiten Insulin eine Person pro KE benötigt. Beispiel: KE-Faktor 1,5 bedeutet: pro 10 g Kohlenhydrate werden 1,5 IE (Insulineinheiten) gespritzt.
Dieser Faktor ist nicht für alle Tageszeiten gleich. Die Insulinempfindlichkeit variiert im Tagesverlauf – am Morgen ist oft mehr Insulin nötig als am Abend.
Korrekturfaktor
Der Korrekturfaktor gibt an, um wie viele mg/dL der Blutzucker durch 1 IE Insulin sinkt. Beispiel: Korrekturfaktor 40 mg/dL bedeutet: 1 IE Insulin senkt den Blutzucker um 40 mg/dL. Liegt der aktuelle Wert 80 mg/dL über dem Zielwert, werden 2 IE Korrekturbolusin zusätzlich zum Mahlzeitenbolus gespritzt.
Wichtig: KE-Faktoren und Korrekturfaktoren werden ausschließlich vom Diabetologen oder der Diabetes-Pflegefachkraft festgelegt und dürfen nicht eigenständig verändert werden. Eine falsche Dosierung kann zu gefährlichen Unterzuckerungen führen.
Ein gutes Diabetes-Tagebuch hilft beim Protokollieren von Blutzucker, Dosis und Mahlzeiten: Diabetes-Tagebücher und Protokollhefte (Amazon). Die Dosierung selbst bleibt Aufgabe Ihres Arztes.
Insulinpumpe: Basalrate statt Basisinjektion
Bei der Insulinpumpentherapie (CSII – Continuous Subcutaneous Insulin Infusion) entfällt das Basalinsulin-Depot. Stattdessen gibt die Pumpe kontinuierlich kleine Mengen schnellwirksames Insulin ab – die sogenannte Basalrate (in Einheiten pro Stunde). Zusätzlich kann der Nutzer per Knopfdruck einen Bolus zur Mahlzeit auslösen.
Die Basalrate der Pumpe kann für verschiedene Tageszeiten individuell programmiert werden – das macht die Pumpentherapie flexibler, aber auch anspruchsvoller. Sie erfordert eine spezialisierte Schulung und engmaschige ärztliche Begleitung.
Häufige Fragen zu Basalrate und Bolusdosis (FAQ)
Wie weiß ich, ob meine Basalrate richtig eingestellt ist?
Eine korrekt eingestellte Basalrate zeigt sich daran, dass der Blutzucker zwischen den Mahlzeiten und in der Nacht stabil bleibt – ohne Tendenz zum Steigen oder Fallen. Ein klassischer Test ist das Fastenprofil: Man lässt eine Mahlzeit aus und beobachtet, wie sich der Blutzucker entwickelt. Diesen Test führt man nie alleine durch – immer unter ärztlicher Anleitung. CGM-Systeme (kontinuierliche Glukosemessung) erleichtern die Basalraten-Evaluation erheblich.
Darf ich meine Bolusdosis selbst anpassen?
Nein – eigenständige Dosisanpassungen sind gefährlich. Eine zu hohe Bolusgabe kann zu schwerer Hypoglykämie führen. Eine zu geringe Dosis lässt den Blutzucker zu hoch ansteigen. Im Rahmen einer strukturierten Diabetes-Schulung lernen Sie jedoch, wie Sie innerhalb festgelegter Grenzen und nach vorgegebenem Schema auf veränderte Situationen (mehr Kohlenhydrate, Sport, Krankheit) reagieren können – immer mit Unterstützung Ihres Diabetesteams.
Was ist der Unterschied zwischen ICT und der konventionellen Insulintherapie?
Bei der konventionellen Insulintherapie (CT) werden feste Insulin-Dosen zu festen Zeiten gespritzt – Mahlzeiten müssen dem Insulinschema angepasst werden. Die intensivierte Therapie (ICT, Basis-Bolus) ist flexibler: Der Bolus wird an die tatsächlich gegessenen Kohlenhydrate angepasst. ICT erfordert mehr Schulung und Eigenmanagement, bietet aber mehr Lebensqualität und oft bessere Langzeiteinstellungen. Welches Schema für Sie geeignet ist, entscheidet Ihr Diabetologe.
Brauche ich als Typ-2-Diabetiker auch eine Basis-Bolus-Therapie?
Nicht zwingend. Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes kommen lange Zeit ohne Insulin aus – dank oraler Antidiabetika und Lebensstilmaßnahmen. Wenn die Eigenproduktion nachlässt, kann zunächst eine einfache Basalinsulin-Gabe (1 × täglich) ausreichen. Eine vollständige Basis-Bolus-Therapie wird erst dann empfohlen, wenn das Basalinsulin allein nicht mehr zu einer ausreichenden HbA1c-Kontrolle führt. Ihr Diabetologe entscheidet auf Basis Ihrer Werte und Begleiterkrankungen.
Weiterführende Artikel auf GlucoseGuru.de
- Insulin richtig lagern und aufbewahren
- Kohlenhydrate zählen bei Diabetes – Schritt-für-Schritt-Anleitung
⚕ Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Insulindosen – Basalrate und Bolusdosis – dürfen ausschließlich nach ärztlicher Rücksprache verändert werden. Eigenständige Dosisanpassungen können zu lebensbedrohlichen Unterzuckerungen oder anhaltend hohen Blutzuckerwerten führen. Dieser Artikel enthält keine Heilsversprechen im Sinne des HWG.
Quellen
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes. AWMF-Register 057-013.
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlungen zur Therapie des Diabetes mellitus. Diabetologie 2023; Supplement 2.
- Heller S et al.: Comparison of insulin detemir and NPH insulin in people with Type 1 diabetes using a basal-bolus regimen. Diabet Med. 2004;21(5):439–444. PubMed 15089791
- Pickup JC: Insulin-pump therapy for type 1 diabetes mellitus. N Engl J Med. 2012;366(17):1616–1624. PubMed 22533577
