Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2026
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Lebensmittelampel für Diabetiker – Nutri-Score nutzen und seine Grenzen kennen
Beim Einkauf im Supermarkt soll die Lebensmittelampel schnelle Orientierung bieten: Ein grünes A signalisiert „gut“, ein rotes E warnt vor ungünstigeren Nährwertprofilen. Der Nutri-Score ist in Deutschland seit 2020 freiwillig auf Lebensmitteln zu finden und soll die Lebensmittelauswahl vereinfachen. Für die meisten Verbraucher ist er tatsächlich eine hilfreiche Orientierungshilfe – für Diabetiker greift er jedoch an entscheidenden Stellen zu kurz.
Dieser Artikel erklärt, wie der Nutri-Score berechnet wird, wo er für Diabetiker irreführend sein kann und welche Alternativen zur Lebensmittelbewertung für Menschen mit Diabetes sinnvoll sind. Er ist rein informativ und ersetzt keine individuelle Ernährungsberatung.
Was ist der Nutri-Score?
Der Nutri-Score ist ein fünfstufiges, farb-kodiertes Nährwertprofil-System, das die Gesamtnährstoffqualität eines Lebensmittels auf einer Skala von A (dunkelgrün, günstigstes Profil) bis E (rot, ungünstigstes Profil) bewertet. Er wurde ursprünglich in Frankreich vom Epidemiologen Serge Hercberg und seinem Team entwickelt (Hercberg et al., PLoS One, 2017) und basiert auf dem britischen FSA-Nutrient Profiling System.
In Deutschland ist der Nutri-Score als freiwillige Kennzeichnung erlaubt; viele große Lebensmittelhersteller haben ihn inzwischen eingeführt. Er soll den Durchschnittskonsumenten dabei helfen, auf einen Blick gesündere Optionen innerhalb einer Lebensmittelkategorie zu erkennen – also etwa zwischen verschiedenen Frühstückscerealien oder Joghurts zu vergleichen. Ein Vergleich zwischen Lebensmittelkategorien war nicht das Designziel.
Wie wird der Nutri-Score berechnet?
Der Score wird auf Basis der Nährstoffangaben pro 100 g (oder 100 ml) berechnet. Punkte werden in zwei Richtungen vergeben:
- Negativpunkte (je höher, desto ungünstiger): Brennwert (kJ), gesättigte Fettsäuren, Gesamtzucker, Natrium.
- Positivpunkte (je höher, desto günstiger): Anteil Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, Ballaststoffe, Protein.
Der resultierende Gesamtpunktwert bestimmt die Einstufung von A bis E. Seit 2023 wird der Nutri-Score überarbeitet: Die neue Version (Nutri-Score V2) berücksichtigt zusätzlich Vollkorngehalt, verschiedene Fettarten (z. B. Unterscheidung von Fischölen), Salzgehalt und weitere Parameter genauer. Zucker und raffinierte Stärken werden stärker gewichtet – eine Verbesserung für Diabetiker, aber keine vollständige Lösung.
Die Grenzen des Nutri-Score für Diabetiker
Hier liegt das Kernproblem: Der Nutri-Score bewertet Lebensmittel nach einem festgelegten Nährstoffprofil – berücksichtigt aber nicht den Glykämischen Index (GI) oder die Glykämische Last (GL). Für Diabetiker sind das jedoch entscheidende Parameter, weil sie angeben, wie schnell und stark ein Lebensmittel den Blutzucker ansteigen lässt.
Einige konkrete Beispiele, wo der Nutri-Score für Diabetiker irreführend sein kann:
| Lebensmittel | Nutri-Score | GI | Bewertung für Diabetiker |
|---|---|---|---|
| Fruchtsaft (Apfelsaft, pur) | C oder B | ~40–50 | Problematisch: viel flüssiger Fruchtzucker, rascher BZ-Anstieg |
| Weißbrot | B oder C | ~70–75 | Hoher GI, starker Blutzuckeranstieg |
| Vollkornbrot | A oder B | ~45–55 | Günstiger GI, langsamerer BZ-Anstieg |
| Hartkäse (Gouda) | D oder E | 0 | Kein BZ-Anstieg, für Diabetiker in Maßen gut geeignet |
| Fettarmer Fruchtjoghurt | B | ~30–40 | Kann viel zugesetzten Zucker enthalten – Etikett prüfen! |
| Linsen (gekocht) | A | ~30 | Niedrig GI, ideal für Diabetiker |
Besonders problematisch: Ein Glas Fruchtsaft kann im Nutri-Score besser abschneiden als ein Stück Käse – obwohl Fruchtsaft den Blutzucker von Diabetikern dramatisch erhöhen kann, während Käse keinen nennenswerten Blutzuckeranstieg verursacht. Für Normalverbraucher ohne Diabetes sind diese Differenzen weniger kritisch; für Menschen mit Diabetes können sie entscheidend sein.
Bessere Alternativen zur Lebensmittelbewertung für Diabetiker
Statt sich allein auf den Nutri-Score zu verlassen, gibt es für Diabetiker bewährtere Bewertungsansätze:
Glykämischer Index (GI) und Glykämische Last (GL)
Der GI bewertet, wie stark 50 g verdaulicher Kohlenhydrate eines Lebensmittels den Blutzucker im Vergleich zu Glukose (GI 100) erhöhen. Die GL berücksichtigt zusätzlich die Portionsgröße und ist damit oft aussagekräftiger für den Alltag. Atkinson et al. (2021) haben in einer umfassenden Tabelle in Diabetes Care GI- und GL-Werte für Hunderte Lebensmittel zusammengestellt. Als niedrig gilt ein GI unter 55, als mittel 56–69, als hoch ab 70.
Kohlenhydrate zählen (Carb Counting)
Besonders für insulinpflichtige Diabetiker ist das Abzählen der Kohlenhydrate (KE = Kohlenhydrat-Einheiten, früher: BE = Broteinheiten) eine der zuverlässigsten Methoden, um Mahlzeiten und Insulindosis aufeinander abzustimmen. Die Nährwerttabelle auf der Packung (Kohlenhydrate gesamt minus Ballaststoffe = verfügbare Kohlenhydrate) ist hier das entscheidende Instrument.
Digitale Tools und Apps
Apps wie MyFitnessPal, Yazio oder spezialisierte Diabetes-Apps können beim Erfassen von Kohlenhydraten und Nährstoffen pro Mahlzeit helfen. Sie sind kein Ersatz für eine Diabetesschulung, können aber die tägliche Planung erleichtern. Ein strukturiertes gedrucktes Kohlenhydrate-Nachschlagewerk (Amazon) ist besonders hilfreich, wenn man unterwegs keine Internetverbindung hat.
Diabetesschulung und Ernährungsberatung
Die zuverlässigste Grundlage für diabetesgerechtes Essen ist eine strukturierte Diabetesschulung (z. B. DESMOND, DAFNE, MEDIAS). Dort lernen Betroffene nicht nur das Kohlenhydratezählen, sondern auch, wie verschiedene Lebensmittel ihren persönlichen Blutzucker beeinflussen – denn individuelle Reaktionen variieren erheblich. Ernährungsfachkräfte mit Spezialisierung Diabetes (Diabetesberater DDG, ECDE) können individuell angepasste Empfehlungen geben.
Praktische Tipps beim Einkauf für Diabetiker
- Nährwerttabelle lesen, nicht nur den Nutri-Score: Schauen Sie auf „Kohlenhydrate gesamt“ und „davon Zucker“ pro 100 g sowie auf den Ballaststoffgehalt.
- Vollkorn bevorzugen: Vollkornprodukte (Brot, Nudeln, Reis) haben in der Regel einen niedrigeren GI als Weißmehlprodukte. Achten Sie auf Kennzeichnungen wie „Vollkorn als erste Zutat“.
- Portionsgrößen beachten: Der Glykämische Index sagt nichts über die Portionsgröße aus. Wassermelone hat einen hohen GI, aber eine geringe GL pro normaler Portion – weil sie viel Wasser enthält.
- Getränke kritisch betrachten: Fruchtsäfte und gesüßte Getränke können im Nutri-Score überraschend gut abschneiden, erhöhen aber den Blutzucker rasch. Wasser, ungesüßter Tee und Kaffee sind die beste Wahl.
- Nutri-Score als Zusatzinformation nutzen: Innerhalb einer Produktkategorie (z. B. Getreideflocken) kann der Nutri-Score als erste Orientierung dienen – aber immer mit Blick auf die Kohlenhydrattabelle ergänzen.
Fazit: Lebensmittelampel ja – aber mit Zusatzwissen
Der Nutri-Score ist ein nützliches Werkzeug für die breite Bevölkerung und hat seinen Platz als schnelle Übersicht. Für Diabetiker ist er allein jedoch unzureichend, weil er den Glykämischen Index ignoriert und damit gerade bei Kohlenhydraten keine verlässliche Blutglukosebewertung liefert. Die beste Strategie: Nutri-Score als erste Orientierung, kombiniert mit dem Blick auf die Kohlenhydratangabe im Nährwertkennzeichnung, GI-Kenntnissen und – wenn möglich – dem Rat einer diabetologisch geschulten Ernährungsfachkraft.
Häufige Fragen zur Lebensmittelampel bei Diabetes (FAQ)
Ist ein Nutri-Score-A-Produkt gut für meinen Blutzucker?
Nicht unbedingt. Der Nutri-Score A bedeutet, dass das Lebensmittel ein insgesamt günstiges Nährwertprofil hat (wenig Zucker, wenig gesättigte Fette, viele Ballaststoffe etc.) – sagt aber nichts über den Glykämischen Index aus. Ein Vollkornbrot mit Nutri-Score A hat einen niedrigeren GI als Weißbrot und ist für Diabetiker tatsächlich die bessere Wahl. Ein Fruchtsaft mit Score B oder C hingegen kann trotz seines mittleren Scores den Blutzucker stark erhöhen. Schauen Sie immer auch auf die Kohlenhydratangabe.
Welche Nährwertkennzeichnung ist für Diabetiker am aussagekräftigsten?
Die verpflichtende EU-Nährwerttabelle auf der Verpackung (Kohlenhydrate gesamt, davon Zucker, Ballaststoffe pro 100 g) ist für Diabetiker aussagekräftiger als der Nutri-Score allein. Ergänzt durch GI-Wissen (z. B. aus GI-Tabellen oder Diabetesschulung) ergibt sich ein deutlich vollständigeres Bild. Für insulinpflichtige Diabetiker ist die genaue Kohlenhydratmenge pro Portion die wichtigste Kenngröße für die Insulindosierung.
Gibt es bessere Apps als den Nutri-Score für Diabetiker?
Für Diabetiker geeignetere digitale Hilfen sind Apps, die Kohlenhydrate und Ballaststoffe pro Portion ausweisen und idealerweise GI-Daten integrieren – beispielsweise MyFitnessPal, Yazio oder spezielle Diabetes-Management-Apps. Manche CGM-Apps (für kontinuierliches Glukosemonitoring) ermöglichen sogar die Verknüpfung von Mahlzeiten mit dem tatsächlichen Blutzuckerverlauf, was die persönlichste und aussagekräftigste Methode darstellt, um die eigene Glukosereaktion auf verschiedene Lebensmittel zu verstehen.
Weiterführende Artikel auf GlucoseGuru.de
- Kohlenhydrate zählen bei Diabetes: BE, KE und praktische Tipps
- Versteckter Zucker in Getränken – was Diabetiker wissen müssen
- Intervallfasten bei Diabetes – Chancen und Risiken der 16:8-Methode
⚕ Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Ernährungsberatung oder individuelle Diabetesschulung. Ernährungsempfehlungen bei Diabetes sind individuell sehr verschieden. Sprechen Sie Veränderungen in Ihrer Ernährung mit Ihrem Diabetologen oder einer qualifizierten Ernährungsfachkraft ab. Insulindosen und Medikamente dürfen nur nach Rücksprache mit einem Arzt verändert werden.
Quellen
- Hercberg S et al.: A Simple Colour-Coded Nutrient Profiling System: Development and Validation of the Five-Colour Nutrition Label. PLoS One. 2017;12(2):e0171365. PubMed 28196086
- Atkinson FS et al.: International Tables of Glycemic Index and Glycemic Load Values 2021. Diabetes Care. 2021;44(9):2079–2090. PubMed 34061991
- Ludwig DS: The glycemic index: physiological mechanisms relating to obesity, diabetes, and cardiovascular disease. JAMA. 2002;287(18):2414–2423. PubMed 11988062
- Chazelas E et al.: Nutritional quality of food as represented by the FSAm-NPS nutrient profiling system underlying the Nutri-Score label and cancer risk in Europe. PLoS Med. 2018;15(9):e1002651. PubMed 30040870
- Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): Nutri-Score – Erläuterungen für Verbraucher. bmel.de
