Diabetes-Notfall: Was tun bei Bewusstlosigkeit?
Eine schwere Unterzuckerung (Hypoglykämie), die zur Bewusstlosigkeit führt, ist ein akuter medizinischer Notfall. Die Reaktionen der Umgebung in den ersten Minuten können lebensrettend sein. Gleichzeitig ist es wichtig, bestimmte Maßnahmen zu unterlassen, die in dieser Situation gefährlich werden können – allen voran die Gabe von Flüssigkeit oder Zucker in den Mund einer bewusstlosen Person.
Dieser Artikel richtet sich an Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen und Ersthelfer. Er vermittelt das grundlegende Wissen, das im Notfall zählt. Er ersetzt nicht einen zertifizierten Erste-Hilfe-Kurs oder die individuelle Einweisung durch das Diabetesteam des Betroffenen.
Was ist eine schwere Hypoglykämie?
Eine Hypoglykämie liegt vor, wenn der Blutzucker unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) fällt. In leichten Fällen kann der Betroffene selbst handeln – Traubenzucker essen, Saft trinken. Von einer schweren Hypoglykämie spricht man, wenn die betroffene Person so stark beeinträchtigt ist, dass sie auf fremde Hilfe angewiesen ist. Dies umfasst:
- Starke Verwirrtheit oder Desorientierung – der Betroffene reagiert kaum oder gar nicht
- Krampfanfälle (epileptiforme Anfälle durch niedrigen Blutzucker im Gehirn)
- Bewusstlosigkeit: Der Betroffene ist nicht ansprechbar und reagiert nicht auf Berührung oder laute Ansprache
Das Gehirn ist vollständig auf Glukose als Energiequelle angewiesen. Ein anhaltend zu niedriger Blutzucker kann zu bleibenden neurologischen Schäden führen. Jede Minute zählt.
Hypoglykämie-Bewusstlosigkeit erkennen
Nicht jede Bewusstlosigkeit hat die gleiche Ursache. Diabetiker können auch aus anderen Gründen das Bewusstsein verlieren (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, sehr hoher Blutzucker mit Ketoazidose). Im Zweifel: immer 112 anrufen und den Notarzt entscheiden lassen.
Hinweise auf eine hypoglykämiebedingte Bewusstlosigkeit können sein:
- Bekannter Diabetiker, insbesondere insulin-therapiert
- Vorherige Symptome: Zittern, Schwitzen, Blässe, Herzrasen, Verhaltensänderung, Sprachprobleme
- Schwitznasse Haut (Kaltschweißigkeit) trotz normaler oder kühler Raumtemperatur
- CGM-Alarm oder sehr niedriger Wert auf dem CGM-Display
- Der Betroffene hat eine Diabetes-Notfallkarte bei sich
Sofortmaßnahmen – Schritt für Schritt
Wenn Sie eine bewusstlose Person mit bekanntem Diabetes vorfinden, handeln Sie in dieser Reihenfolge:
Schritt 1: Ansprechen und prüfen
- Laut ansprechen: „Können Sie mich hören?“
- Schultern vorsichtig schütteln
- Keine Reaktion → Person ist bewusstlos → sofort weiter zu Schritt 2
Schritt 2: Notruf 112 absetzen
Rufen Sie sofort 112 an. Geben Sie an:
- Wo Sie sind (genaue Adresse oder Beschreibung des Ortes)
- Was passiert ist: „Diabetiker, bewusstlos, vermutlich Unterzuckerung“
- Wie viele Personen betroffen sind
- Den Notruf nicht auflegen, bis die Leitstelle es sagt – sie gibt Ihnen weitere Anweisungen
Schritt 3: Atmung prüfen
- Kopf vorsichtig überstrecken, Kinn anheben (Atemweg freimachen)
- Sehen, hören und fühlen, ob die Person atmet (max. 10 Sekunden)
- Atmet die Person: → stabile Seitenlage (Schritt 4)
- Atmet die Person NICHT: → sofort mit Herzdruckmassage beginnen (nach Anweisung der Notruf-Leitstelle)
Schritt 4: Stabile Seitenlage
Wenn die Person atmet, aber bewusstlos ist, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage. Das verhindert, dass bei Erbrechen Mageninhalt in die Atemwege gelangt (Aspirationsgefahr):
- Knieen Sie neben der Person
- Legen Sie den nahen Arm der Person im rechten Winkel vom Körper weg (Handfläche nach oben)
- Greifen Sie den fernen Arm und legen Sie die Handrücken-Seite an die Wange der Person
- Heben Sie das ferne Knie an, bis der Fuß flach auf dem Boden steht
- Drehen Sie die Person mit dem angehobenen Knie vorsichtig auf die Seite
- Kopf leicht nach hinten neigen, damit der Atemweg frei bleibt
- Regelmäßig die Atmung kontrollieren, bis der Rettungsdienst eintrifft
Schritt 5: Glukagon-Notfallset anwenden (wenn vorhanden)
Viele insulintherapierte Diabetiker tragen ein Glukagon-Notfallset bei sich (z. B. GlucaGen HypoKit oder Baqsimi Nasenspray). Glukagon ist ein Hormon, das die Leber zur Glukoseabgabe ins Blut stimuliert und so den Blutzucker schnell anhebt.
GlucaGen HypoKit (Injektion):
- Spritze mit Lösungsmittel in das Pulverfläschchen injizieren, aufschütteln, aufziehen
- Injektion subkutan (Bauch, Oberschenkel) oder intramuskulär – die beigefügte Anleitung genau befolgen
- Dosis: 1 mg bei Erwachsenen und Kindern über 25 kg; 0,5 mg bei Kindern unter 25 kg
Baqsimi Nasenspray (nasales Glukagon):
- Einfacher anzuwenden: Nasenspray in ein Nasenloch einführen und den Stempel drücken
- Wirkt auch wenn die Person durch den Mund atmet oder schnarcht
- Vorteil: Kein Mischen, kein Aufziehen – für Laien leichter handhabbar
Nach Glukagon-Gabe erholt sich die Person in der Regel innerhalb von 5–15 Minuten. Sobald sie wieder bei Bewusstsein und schluckfähig ist, sollten langsam wirkende Kohlenhydrate (z. B. ein Keks, ein Stück Brot) gegeben werden, um einen erneuten Blutzuckerabfall zu verhindern. Der Notarzt muss trotzdem kommen.
WICHTIG: Niemals orale Glukose bei Bewusstlosen geben
Das ist eine der wichtigsten Regeln der Diabetesnotfallversorgung:
Geben Sie einer bewusstlosen oder stark bewusstseinsgetrübten Person NIEMALS etwas zu essen oder zu trinken – auch keinen Traubenzucker, keinen Fruchtsaft, keine Gels.
Der Grund: Eine bewusstlose Person hat keinen Schluckreflex. Flüssigkeiten und feste Nahrung können direkt in die Atemwege gelangen (Aspiration) und eine lebensgefährliche Aspirationspneumonie oder sofortigen Atemstillstand verursachen. Das Risiko der Aspiration überwiegt in jedem Fall den möglichen Nutzen der oralen Glukosezufuhr.
Nur wenn die Person sicher schlucken kann und ansprechbar ist, können schnell wirkende Kohlenhydrate oral gegeben werden. Im Zweifel: kein Essen und Trinken, 112 anrufen, warten.
Nach dem Notfall: Was dann?
Nach einer schweren Hypoglykämie mit Bewusstlosigkeit ist ein Arztbesuch zwingend notwendig, auch wenn sich die Person scheinbar schnell erholt hat. Folgende Fragen müssen geklärt werden:
- Warum ist es zu der schweren Hypoglykämie gekommen? (falsche Dosis, fehlende Mahlzeit, ungewohnte körperliche Aktivität, Alkohol?)
- Muss die Insulindosis oder das Therapieschema angepasst werden?
- Besteht eine Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung?
- Ist das Glukagon-Notfallset vollständig und nicht abgelaufen? → ggf. Ersatz besorgen
- Wurden Angehörige und enge Kontaktpersonen in der Anwendung des Notfallsets geschult?
Präventive Vorbereitung: Was Betroffene und Angehörige tun können
- Notfallset immer dabeihaben: Glukagon-Notfallset auf Verfalldatum prüfen und gut zugänglich mitführen
- Angehörige einweisen: Jeder enge Kontakt sollte die Anwendung des Glukagon-Sets kennen
- Diabetes-Notfallausweis: Im Portemonnaie oder als App auf dem Smartphone
- CGM-Alarme nutzen: Unterzuckerungs-Alarme auch nachts aktivieren; Remote-Monitoring für Angehörige einrichten
- Umfeld informieren: Kollegen, Mitschüler, Sporttrainer sollten wissen, was zu tun ist
Häufige Fragen zum Diabetes-Notfall (FAQ)
Darf ich als Ersthelfer eine Glukagon-Injektion geben?
Ja. Die Gabe von Glukagon durch Laien (Angehörige, Ersthelfer) ist ausdrücklich vorgesehen und rechtlich zulässig. GlucaGen HypoKit und Baqsimi Nasenspray sind speziell für die Laienanwendung konzipiert. Die beigefügten Anleitungen müssen vorab gelesen und idealerweise geübt worden sein. In jedem Fall muss zusätzlich der Notruf 112 informiert werden.
Was ist, wenn kein Glukagon-Notfallset vorhanden ist?
Ohne Glukagon bleibt bei einer bewusstlosen Person nur: 112 anrufen, stabile Seitenlage, Atemwege freihalten, Rettungsdienst abwarten. Der Notarzt kann Glukose intravenös verabreichen. Geben Sie NICHTS oral. Informieren Sie nach dem Notfall den behandelnden Arzt, damit ein Glukagon-Notfallset verordnet und das Umfeld in seiner Anwendung geschult wird.
Wie unterscheide ich eine Hypo-Bewusstlosigkeit von einer Ketoazidose?
Die Hypoglykämie entwickelt sich rasch (Minuten), oft mit Schwitzen und Blässe. Die diabetische Ketoazidose entwickelt sich über Stunden bis Tage mit Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, tiefer Atemtätigkeit (Kussmaul-Atmung) und Acetongeruch. Im Notfall gilt: im Zweifel 112 anrufen und den Notarzt entscheiden lassen. Niemals eigenständig Insulin in einer Notfallsituation injizieren, wenn die Ursache unklar ist.
Wie erkenne ich, ob der Betroffene wieder schluckfähig ist?
Eine Person ist erst dann schluckfähig, wenn sie eindeutig bei Bewusstsein ist, auf Ansprache reagiert und in der Lage ist, gezielt zu schlucken. Zeigen Sie ihr zuerst das Traubenzucker und bitten Sie sie, den Mund zu öffnen. Geben Sie niemals etwas in den Mund, wenn die Person noch schläfrig, verwirrt oder nicht vollständig ansprechbar ist. Im Zweifel abwarten und den Notarzt entscheiden lassen.
Weiterführende Artikel auf GlucoseGuru.de
- Unterzuckerung (Hypoglykämie) – Symptome und Behandlung
- Blutzucker Normwerte – was ist normal?
- Insulintherapie – Grundlagen verständlich erklärt
Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs, ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei einem Notfall rufen Sie sofort 112 an. Insulin-Dosierungen und Therapiepläne dürfen ausschließlich in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder Diabetologen geändert werden. Die in diesem Artikel beschriebenen Maßnahmen (Glukagon, stabile Seitenlage) sollten vorab mit dem Diabetesteam besprochen und geübt werden.
Quellen
- Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Praxisempfehlungen – Hypoglykämie. Diabetologie und Stoffwechsel. 2023. ddg.info
- Seaquist ER et al.: Hypoglycemia and Diabetes. Diabetes Care. 2013. DOI: 10.2337/dc12-2480
- Novo Nordisk: GlucaGen HypoKit Fachinformation. ema.europa.eu
- Deutsches Rotes Kreuz (DRK): Erste-Hilfe-Maßnahmen Bewusstlosigkeit. drk.de
- American Diabetes Association: Standards of Care in Diabetes 2024 – Hypoglycemia. Diabetes Care. 2024. diabetesjournals.org
